"Auf und nieda - bitte, Frieda!"

17. März 2002, 18:45
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Sabine Derflingers mehr als überzeugendes Spielfilmdebüt "Vollgas" blickt mit Gespür für Details hinter die Kulissen einer Skiort-Disco

Von Isabella Reicher

Foto: Filmladen

Wien - Es ist laut hier. Musik dröhnt, Leute grölen. Eine junge Frau bahnt sich energisch ihren Weg durch die Menge. Ihr Arbeitsplatz ist hinter der Bar. In einer Disco namens "Abfahrt". In einem österreichischen Skiort. Was für die Gäste recht ist, ist fürs Personal noch dazu billiger - beim "Vollgasgeben" mit Wodka, Bier und One-Night-Stand ist Evi (Henriette Heinze) vorne mit dabei.

Daneben gibt es noch ein anderes Leben zu bewältigen: Dann, wenn es hell wird, muss Tochter Paula (Philomena Wolflingseder) zur Schule gebracht werden. Ein annähernd normales Familiendasein aufrecht zu erhalten erfordert zusätzliche Kraft.

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Vollgas erzählt also auch, ganz unsentimental und konsequent, von den Bedingungen, unter denen Arbeit heute (zunehmend wieder) stattfindet: von Arbeitsverhältnissen auf Zeit, von der neuen "Flexibilität", die sich etwa im mehr oder weniger freiwilligen Verzicht auf geregelte Arbeitszeiten ausdrückt. Das ist der Hintergrund, vor dem hier im Akkord ausgeschenkt wird - im Restaurant (morgens), auf der Piste (mittags), in der Disco (abends).

"Schlafen ist feige"

Eine wie Evi, die die Nerven behält, zwei Schichten nacheinander schupft, wenn es sein muss ("schlafen ist feige"), gilt in diesem Kontext als gute Kraft. Deshalb wirkt eine Zeit lang auch der Chef - vom Anblick seiner sturzbetrunkenen und leicht bekleideten Kellnerin zusätzlich motiviert - tatkräftig daran mit, ihre wilden Eskapaden zu vertuschen und zu verharmlosen.

Foto: Filmladen

Sabine Derflinger und ihr Kameramann und langjähriger Kollaborateur Bernhard Pötscher (Achtung Staatsgrenze, The Rounder Girls) nähern sich dieser Welt mit größter Genauigkeit und Gespür für Details, wie zum Beispiel das musikalische Dauergewummere à la "Auf und nieda - bitte, Frieda!".

Mit jenem Interesse für die "Grundlagenarbeit", die zuletzt etwa bei ihrem Dokumentarfilm über die Rounder Girls den Blick vor allem auf die Routine abseits der Auftritte lenkte und die hier die Beschreibung der Beziehungen oder der Verteilung und Umverteilung von Macht inkludiert.

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Irgendwann sind dann sogar Evis Reserven aufgebraucht. Zuerst versucht sie es mit "brav sein", dann mit einem radikalen Ausbruch, weg nach Wien. Im letzten Drittel verliert sich die Erzählung ein bisschen im Taumel der Ereignisse, aber die mitreißende Henriette Heinze macht auch diese Defizite wett.

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Und so ist Vollgas, unter anderem heuer bereits beim renommierten Saarbrückener Max-Ophüls-Festival ausgezeichnet, ein weiterer aktueller österreichischer Spielfilm, der durch eine eigenwillige, gleichzeitig aber alltägliche Geschichte und eine erstklassige Ensembleleistung (Sibylle Gogg, Carmen Gratl, Simon Schwarz, u. a.) mehr als überzeugt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 3. 2002)

Vollgas auf der Diagonale:
Royal English Cinema, Mi. 20. 3. 15:30; Kino im Augarten, Sa. 23. 3. 18:30


Vollgas-derFilm.at - Sabine Derflinger-Homepage - Filmladen

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