Viele schöne Töne und wenig Musik

17. März 2002, 19:18
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Das Concertgebouw-Orchester Amsterdam mit Varèse, Debussy und Franck im Musikverein

Wien - Wenn die Damen und Herren aus der Stadt der Grachten diesmal auch nicht mit ihrem Chefdirigenten, Riccardo Chailly, an der Spitze anrückten, so trug zumindest das Programm seine Handschrift: Um ein so sperriges Werk wie die Intégrales von Edgard Varèse (1883-1965) zum Opener zu machen, dazu bedarf es wohl eines ganz besonderen Enthusiasmus, wie ihn Chailly schon seit längerem mit bewundernswertem Mut für diesen mystischen Klangmathematiker entwickelt.

Doch Yan Pascal Tortelier, Chefdirigent des BBC Philharmonic Orchestra, erwies sich ebenfalls als präziser und engagierter Anwalt dieses noch immer weit unterschätzten Mitbegründers der musikalischen Moderne: Es gelang ihm, das von elf Blasinstrumenten nebst Schlagwerk ausgehende Quäken, Krähen, Wimmern und Raunen zu einem solchen Grad an Eindringlichkeit zu verdichten, dass das Unübliche plötzlich ganz selbstverständlich klang und sogar das Wiener Musikvereinspublikum mit - wenn auch etwas verlegenem - Applaus reagierte.

Bedauerlicherweise wurde man schon gleich darauf während Claude Debussys La mer mit verschmerzbarer Eindringlichkeit darauf verwiesen, dass mitunter auch das Selbstverständliche, trotz Präzision und trotz Engagements, unüblich tönt.

Den vielen richtigen Tönen, welche die Gäste intonierten, kam immer wieder die Musik abhanden. Trotz (oder am Ende gar wegen) der vorbildlich klaren Zeichengebung des Dirigenten blieben die Farben der Instrumente eigentlich ungemischt. Drei faszinierend vage Orchesterskizzen wurden zu tönenden Plakaten.

Da profitierte César Francks Symphonie in d-Moll schon eher von Torteliers wachem Sinn für ökonomische Disposition sowie für dynamische und rhythmische Belebung. Auch wenn dieses Gemisch aus polyphon umständlichem deutschem Biedersinn und an Wagner und Liszt orientierter französischer Eleganz für Interpreten und Zuhörer stets ein Problemfall bleiben wird.

Die verschachtelte Architektur des Werkes macht diesen noch schwieriger. Dass sich das Orchester darin so gut zurechtgefunden hat, wurde vom Publikum schließlich auch gebührend honoriert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2002)

Von
Peter Vujica

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