Der vereinsamte Gemischtwarenladen

17. März 2002, 19:36
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Bilanz über eine "Lange Nacht" im Wiener Konzerthaus

Wien - Ob's daran lag, dass die Lange Nacht der neuen Klänge schon am Nachmittag, zur Einkaufszeit, begann, oder am Programm - zu dieser Frage ließe sich eine fette Dissertation verfassen. Jedenfalls: Addiert man die Anzahl der beteiligten Interpreten mit der Menge jener ob ihrer Werke erschienenen Komponisten und vermutet, dass auch das eine oder andere Familienmitglied der Beteiligten durch seine Anwesenheit Solidarität demonstrierte - ja, dann lässt sich behaupten, dass kaum ein Normalhörer zum Finale von Hörgänge erschienen war.

Schade? Die Gamelan-Combo Sanggar Seni Indonesia mit ihrem immer schneller werdenden musikalischen Kreisverkehr auf Basis hübscher pentatonischer Gedanken darf zu Recht beleidigt sein ob der schütteren Kulisse. Auch Djahan Tuserkanis Chor-Klavier-Werk Fasciophonie II, gehaucht vom um die Anwesenden postierten Webernkammerchor, hätte mehr Ohren verdient. Es baute um die Hörer eine vokale Kathedrale aus Flächen, Glissandi und sequenzartig aufsteigenden Blöcken. Unmittelbar. Auratisch. Ohne jedoch Klangzuckerwatte zu werden. Auch Cristina Landuzzis ... di echi e silenzi ... mit seinen quasi nachtaktiven Ton-Insekten zeugte von subtiler Empfindung für Klang, Strukturbalance und Lyrik.

In der scheintoten Atmosphäre des äußerst schütter besetzten Großen Saales dann fünf Stücke für großes Orchester. Die schale Geisterhaftigkeit von Fran¸cois Sarhans The Face in the Ashes wurde dank der flauen Performance der Czech Virtuosi unter Roland Freisitzer noch verstärkt. Die Uraufführungen zweier Wiener Tonsetzer saßen besser: Alexander Wagendristels klug strukturierter Typhon überzeugte vor allem im Lyrischen, der Part des Soloklaviers geriet zu einförmig martialisch.

Dicht und prall

Johannes Kretzs Passacaglia: Harte Einwürfe mühten sich, den Klangstrudel zu zerteilen; insgesamt aber ein recht schlecht sortierter Gemischtwarenladen. Mit Präzision, Virtuosität und Engagement erfrischte das Ensemble Gageego ab 22 Uhr im Mozart-Saal. Zwar machte Anders Hultquists Among Travelling Angels lediglich viel Lärm um nichts, und Dietrich Hahnes Eleven erwies sich als etwas belangloses Etwas in Tango-Tunke, dafür stellte sich Fair is Foul and Foul is Fair von Johannes Kern als akustische Trouvaille heraus: ein schillerndes Kaleidoskop diverser Stile und Stimmungen, dicht, prall, spitze.

Leider schlossen die Schweden mit dem Topfen des Tages, Fredrik Söderbergs mythenumkitschtem Wrong Music I. Söderberg: "Das ist die Musik, die eine sterbende arktische Schafherde zu ihrem amphibischen Schaf singt - verloren im eiszeitlichen Nebel." Das kommt hin. Zu mitternächtlicher Stunde pilgerte das Häuflein der letzten Aufrechten in den Großen Saal zu Wolfgang Mitterers Improvisation über ein Thema von Schönberg. Was soll man zu der orgiastischen Gewalttat sagen außer: der Klaus Kinski der Orgel. Diabolus in musica. Mitterer hören und sterben. Und aus.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2002)

Von
Ljubis Tosic
und
Stefan Ender

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