Der Tod als provokantes Tauschmittel im Weltsystem

17. März 2002, 21:13
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Jean Baudrillard zum 11. September im Volkstheater

Wien - Ein Erfolg: Globalisierung und Gewalt. Perspektiven nach dem 11. September - als diesmal Jean Baudrillard für die Koproduktion des Volkstheaters mit dem STANDARD zur Sonntagsmatinee zwischenlandete, waren tausend Menschen gekommen, noch mehr als bei Slavoj Zizek in der Vorwoche. Jean Baudrillard, der Globalisierungsgegner und Symbol-Querdenker, ließ sich nicht lumpen und bot politisch Inkorrektes.

"Der Aufstieg der Macht erhöht den Wunsch, sie zu zerstören": Baudrillard untergrub sofort die Oppositionen, mit denen Politik auch nach dem 11. September so gerne arbeitete: hier "die Guten", dort - an sich weit weg und verborgen, schockartig aber doch im eigenen Zentrum - "die Bösen". Jean Baudrillard sieht viel stärker den systematischen Zusammenhang von beiden, denn auch "das Böse" ist nicht in einem Vakuum gewachsen, sondern in Reaktion. Worauf? Baudrillard schlägt vor: in Reaktion auf Globalisierung. Diese selbst gebiert im Terrorismus Ungeheuer, die sie "viril" vernichten, indem Terroristen wie Viren im System selbst vordringen und dieses mit dessen eigenen Mitteln - Technik, Brutalität - schlagen.

Um etwas klarzustellen, was im eloquenten Vortrag des großen Dialektikers ein wenig eingeschliffen wurde: Baudrillard vermischt nicht Opfer und Täter. Er trennt zwei Ebenen, die empirische der Zerstörung und des Verbrechens und die Symbolebene. Und zunächst bewegte sich seine Deutung ganz auf der Analyse der Symbolebene.

Baudrillard ging von der Architektur der Zwillingstürme aus, die er als die "blinden kommunizierenden Röhren" einer in sich abgeschlossenen Welt des Reichtums versteht, die ihre Sicherheit der Ausblendung anderer Erfahrungen und Wertsysteme verdanke. Die Türme seien auf der empirischen Ebene zerstört worden, klar, auf der symbolischen Ebene aber könne der Einsturz auch als Menetekel gelesen werden:

Nämlich als die Implosion des Systems einer Globalisierung, "die alle singulären Werte einebnet". In der sehr interessanten Beantwortung der kritischen Fragen, die ihm STANDARD-Kulturressortleiter Claus Philipp im Anschluss an den Vortrag stellte, präzisierte Jean Baudrillard:

Mit "Symbol" meine er gerade nicht das Gerede von "Virtualität" oder dass US-Katastrophenfilme wahr geworden wären. Nein, solche Filme dienten doch dazu, die gefürchtete Realität magisch zu bannen. Am 11. September aber sei umgekehrt das Symbol zur Realität geworden.

Baudrillard: "Die Leere nach der Zerstörung zeigt die Realität leerer Tauschbeziehungen. Der Kampf wurde in diese Symbolsphäre verlagert: Das System, herausgefordert durch einen Tausch, den es nicht annehmen kann: den Tod."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2002)

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