Jean Baudrillard: "Der viralen Gewalt der Globalisierung widerstehen"

18. März 2002, 11:52
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World Trade Center "der Zerstörung wert gewesen", "weil die Bauform die des Systems nachzeichnet"

Wien - Ein übervolles Haus, Warteschlangen im Foyer und ein Publikum, das sonst wohl eher selten ins Theater geht - dem Volkstheater Wien ist zu seiner Vorlesungs- und Diskussionsreihe "Globalisierung und Gewalt - Perspektiven nach dem 11. September" zu gratulieren. Nach dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek war am Sonntag der prominente französische Soziologe, Medientheoretiker und Philosoph Jean Baudrillard zu Gast.

Baudrillard begann seine (auf Deutsch gehaltenen) Ausführungen mit einer historisch-architekturkritischen Analyse der Bedeutung der Twin Towers, deren Zwillingshaftigkeit er durch das "Ende des Originalen" für ebenso wichtig erachtete wie ihre Funktion als "Black Box", aus der nichts nach draußen dringe: "Der Schrecken, in ihnen zu sterben, ist nicht vom Schrecken, in ihnen zu leben, zu trennen". Das WTC sei offenbar der Zerstörung wert gewesen ("das lässt sich nicht von vielen architektonischen Werken sagen"), durch den terroristischen Akt wären die Türme zu Traumgebäuden geworden, zum achten Weltwunder.

"Gehirn"

"New York ist die einzige Stadt der Welt, in der die jeweils gültige Form des Systems nachgezeichnet ist", meinte Baudrillard. Umso bedeutsamer sei der Zusammenbruch der Türme: "Die Terroristen haben das Gehirn, das neuralgische Zentrum des Systems getroffen." Wichtiger als deren reale Zerstörung wäre ihr symbolisches Verschwinden gewesen, die die Türme - gleichsam als Antwort auf den Selbstmordakt der Flugzeuge - durch ihr Implodieren nachvollzogen hätten, "als hätte die Macht, die die beiden Türme trug, jegliche Energie verloren."

Globalisierung - "eigentlich Pornographie"

Im zweiten Teil seines Vortrages untersuchte Baudrillard die Begriffe des Globalen und des Universellen. "Die Globalisierung des Tausches setzt der Universalisierung der Werte ein Ende. Kulturell bedeutet dies die Promiskuität aller Zeichen und Werte, also eigentlich Pornographie." Homogenisierung und wachsende Diskriminierung gehöre zur Logik der Globalisierung, so der Philosoph. Durch das Zerbrechen des Spiegels des Universellen würden in dessen Scherben wieder "wild gewordene Singularismen" auftauchen, die der "vollkommen indifferenten Kultur oder Unkultur" der Globalisierung gegenüber ständen.

Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte machten nun eine "erbärmliche Figur", wären nur mehr "Phantome einer verschwundenen Universalität". Von der Globalisierung ginge eine "virale Gewalt", die Gefahr einer "sanften Vernichtung" aus: "Wir müssen der viralen Gewalt der Globalisierung widerstehen, in dem wir ihr eine radikale Singularität entgegensetzen! Die Globalisierung hat noch nicht gewonnen, das Spiel ist noch nicht gespielt."

Singularismus "Terror"

Auch Terrorismus sei eine Singularität, "da er den Tod ins Spiel bringt". Dieser sei, da tauschunmöglich, sicher die äußerste Singularität. Terroristen beantworteten "Terror mit Gegen-Terror", indem sie ihren Terrorismus gegen jenen des Systems setzten - wobei reale Handlungen weniger wichtig wären als ihre Vorstellung davon: "Ob Bin Laden existiert oder nicht, hat im Grunde keine Bedeutung." - Und, so Baudrillard zum Abschluss Marx abwandelnd: "Ein Gespenst geht um in der globalen Weltordnung - das Gespenst des Terrorismus."

Morgen, Montag (19 Uhr), wird Baudrillard (geb. 1929), der seit 1968 an der Universität Paris-Nanterre lehrte und sich mit Büchern wie "Der symbolische Tausch und der Tod", "Amerika" oder "Transparenz des Bösen" als einer der führenden Denker unserer Zeit etablierte, im Rahmen der Wiener Vorlesungen im Festsaal des Rathauses über "Gewalt der Bilder. Medien in der globalisierten Welt" sprechen. Den letzten Vortrag in der Reihe "Globalisierung und Gewalt" hält am 7.4. (11 Uhr) Alexander Kluge im Volkstheater. (APA)

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