Ironie und Christentum

17. März 2002, 14:43
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John Updike wird siebzig Jahre alt. Ein Überblick

John Updike ist niemals, wie J.D. Salinger, aus der Öffentlichkeit verschwunden, er hat nicht, wie Norman Mailer, Schlagzeilen mit Gewaltexzessen gemacht, er hat zu keiner Zeit, wie Thomas Pynchon, die Biografen vor Rätsel gestellt. Seine Karriere zum wohl einflussreichsten Schriftsteller Amerikas verlief gleichmäßig, unspektakulär und geradlinig. In einer Zeit, da Publicityberater den Autoren zu geschicktem Versteckspiel raten, verkörpert Updike die vielleicht altmodischste Tugend des Homme de lettres: Sichtbarkeit.

John Updike wurde am 18. März 1932 in Shillington, einer Kleinstadt in Pennsylvania geboren. Seine Kindheit war überschattet von einem Sprachfehler, von der Hautkrankheit Psoriasis und der Einsamkeit des weit vor der Stadt gelegenen Farmhauses, in dem er aufwuchs. Seine Mutter war eine erfolglose Schriftstellerin, sein Vater Lehrer an der einzigen Schule der Gegend - und daher auch, unvermeidlicherweise, der Lehrer seines Sohnes. Schon früh wurden dem Jungen die New Yorker Zeitschriften zum Gegenstand von Fluchtfantasien: Immer wieder hat Updike beschrieben, wie die Träume von einem urbanen, literarischen New York, wie die Kultur der klugen Karikaturen und der Sophistication des unter William Shawn florierenden New Yorker in ihm den Wunsch weckten, "auf einer dünnen Bleistiftlinie aus Shillington hinauszugelangen". Nach dem Schulabschluss studierte Updike in Harvard, wo er in der Studentenzeitschrift The Harvard Lampoon Cartoons und satirische Verse veröffentlichte. Dann geschah das Unerwartete: William Shawn selbst wurde auf Updikes Begabung aufmerksam und engagierte ihn für den New Yorker - ein Ereignis, das sein literarisches Schicksal für immer bestimmte. Bis heute ist Updike dem Magazin als dessen wohl prominentester Literaturkritiker verbunden.

Nach drei Jahren in der Redaktion zog er, immerhin erst fünfundzwanzig, mit seiner Familie in die Kleinstadt Ipswich in Massachusetts. Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen: Ein aufstrebender Schriftsteller verließ die literarische Hauptstadt der Welt, um ein anonymes Leben in der Provinz zu führen. Erst diese Entscheidung ermöglichte es ihm jedoch, sein ureigenes Thema zu finden: das von sexueller Freizügigkeit geprägte Dasein der jungen, gelangweilten Mittelschicht amerikanischer Vorstädte.

Updikes frühe Romane und Kurzgeschichten, angesiedelt in der fiktiven Kleinstadt Olinger, sind aufgeladen mit Motiven der Kindheit in Shillington: Das Fest am Abend erzählt vom langsamen Tod im Altersheim, Auf der Farm vom Leben im Farmhaus vor der Stadt, Der Centaur von der ins Mythologische überhöhten Beziehung zwischen dem weisen Chiron - dem kranken und einsamen Lehrer Caldwell - und seinem Schüler Prometheus, hier Caldwells Sohn Peter. Bis heute ist Der Centaur Updikes experimentellstes Buch; das an Joyce geschulte Changieren zwischen Realismus und Mythologie und die Kernerzählung über die Liebe eines jungen Mannes zu seinem im Leben versagenden Vater machen es zu einem zu wenig beachteten Meisterwerk. Natürlich war ihm viel weniger Erfolg beschieden als seinem Nachfolger, dem realistischen und ungleich weniger subtilen Roman Rabbit, Run (Hasenherz) über den ehemaligen Baseballhelden und amerikanischen Jedermann Harry Angstrom. In jeder weiteren Dekade sollte Updike ihm einen neuen Band hinterherschicken, gemeinsam fügen die vier Rabbit-Bücher und die noch nicht ins Deutsche übersetzte Novelle Rabbit Remembered sich zu einem Panorama amerikanischer Geschichte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: In den Fünfzigerjahren flieht Harry aus der Enge seiner Ehe, die Sechzigerjahre konfrontieren ihn mit freier Liebe, Hippies und Politik, durch die Ölkrise der Siebziger wird er reich, und die Achtzigerjahre finden ihn als wohlhabenden Pensionisten; die Novelle, angesiedelt nach Harrys Tod, fügt eine Momentaufnahme der Neunzigerjahre hinzu, bestimmt vom Lewinsky-Skandal und einem zwischen Religion und Liberalismus tief gespaltenen Amerika.

Der große Erfolg kam 1968 mit Couples (Ehepaare), einer Chronik der Partnertauschspiele junger Paare in der fiktiven Stadt Tarbox. Das Buch wurde ein Skandalerfolg und brachte Updike auf das Cover von Time; aus heutiger Sicht allerdings hält der hektische, in seiner Brillanz oft ein wenig vordergründige Roman dem Vergleich mit Updikes früheren und den meisten späteren Büchern nicht stand. Es ist bemerkenswert, dass seine bekanntesten Werke, Ehepaare, Die Hexen von Eastwick und Brasilien, gerade nicht seine besten sind.

John Updike ist ein durch und durch an Europa geschulter Schriftsteller, der Proust und den christlichen Existenzialismus in sich aufgenommen hat und ihnen den wohlkalkulierten Manierismus und die lyrische Ironie seines Stils entgegensetzt. Die Romanhandlungen sind oft unspektakulär, die Charaktere nicht immer abgerundet; es ist Updikes Sprache, die sie unfehlbar zum Leben erweckt: Man kann Updike wohl als den neben García Márquez besten Stilisten unserer Zeit bezeichnen. Künftige Leser werden vielleicht Der Coup, den ausufernd bunten Lebensbericht eines afrikanischen Diktators, und Das Gottesprogramm, seine bisher überzeugendste Auseinandersetzung mit dem Christentum, sowie die Autobiografie Selbstbewußtsein als seine Hauptwerke betrachten. Tatsächlich ist Updike ein bekennender Christ; von den frühen Kurzgeschichten bis zu dem Spätwerk Gertrude und Claudius steht die Frage, wie es sich als Christ leben lässt, im Mittelpunkt.

In Das Gottesprogramm versuchen ein Informatiker und ein Theologieprofessor, Gott auf mathematischem Weg nachzuweisen, nur um in ein heilloses Durcheinander aus Beziehungen, Ehebrüchen und gegenseitiger Manipulation zu geraten: die Konfrontation mit Gott, so die vieldeutige Botschaft, geschieht eben nur in den Konflikten der individuellen, verstrickten, sündigen Existenz. Jawohl, sündig: Es macht die Eigenart von Updikes Blick aus, dass er nicht darauf verzichtet, die Welt unter theologischem Gesichtspunkt zu betrachten. "An easy Humanism plagues the land", heißt es 1969 im Langgedicht Midpoint, "I choose to take an otherworldly stand". Hierin liegt wohl auch die Wurzel seiner nie, auch nicht vor der eigenen Person, versagenden Ironie.

Wer sonst hätte sich selbst so leichtherzig aus dem Kreis potenzieller Nobelpreiskandidaten hinausgeschrieben? In der 1999 erschienenen Geschichtensammlung Bech in Bedrängnis wird Updikes fiktivem Alter Ego, dem notorisch schreibgehemmten, niemals etwas veröffentlichenden Henry Bech, der Nobelpreis zugesprochen. Unter dem üblichen Sturm von Entrüstung - warum er, wenn es so viele Bessere gibt? - bereitet Bech seine Dankesrede vor; zur Überraschung der Festbesucher nimmt er seine neugeborene Tochter Golda, die bisher nur "Hi!" sagen und zum Abschied winken kann, mit auf das Podium. Ihre gemeinsame Darbietung ist Updikes abschließende Stellungnahme nicht nur zur Frage literarischer Ehrungen. "Das Thema, auf das wir uns geeinigt haben, ist: ,Das Wesen menschlicher Existenz'. (. . .) In das liebliche weiche warme, gefältelte Gebilde ihres Ohres flüsterte er: 'Sag Hi.' - 'Hi', sagte Golda mit heller Deutlichkeit, die sogleich verstärkt in die Tiefen des schönen, unendlichen Saals hallte. Dann hob sie die rechte Hand, sodaß alle sie sehen konnten, und öffnete und schloß sie in der freundlichen Bewegung, die auf Wiedersehen bedeutet."

Hier hat John Updike eine Höhe der Beherrschung seines Materials, der Ironie und der Gelassenheit erreicht, wie sie Schriftstellern nur selten vergönnt ist. Wer so etwas schreibt, steht jenseits aller Ehren, die die literarische Welt vergeben könnte.

(DER STANDARD; Album, 16.03.2002 - Von Daniel Kehlmann)

John Updike, Gertrude und Claudius. Deutsch von Maria Carlsson. EURO 20,50/240 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2001. John Updike, Wenn ich schon gefragt werde. Essays. Deutsch von Susanne Höbel. EURO 11,30/574 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2001.

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