Töchter und Söhne der Steinschlange

17. März 2002, 14:45
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Dorothea Nürnberg baut eine poetische Brücke nach Amazonien

Gedichte, sagte die Lyrikerin Brigitte Oleschinski einmal, gehen über Grenzen, von denen man nicht weiß, ob man sie überqueren kann. Das gilt für Autor wie Leser. Manche dieser Grenzen liegen ganz nah; es sind die zufälligen und veränderlichen Grenzen der Person, der Biographie, der Erfahrungen. Andere liegen weiter weg, sind schwerer erreichbar: Fußspuren in frisch gefallenem Schnee in New York, ein weinendes Kind in den Straßen von Jerusalem, der Flug des Aras im Regenwald, von Baum zu Baum. Lyrik hat mit (innerer) Bewegung zu tun, mit Musik, dem Klang des Denkens und somit der Botschaft einer Form.

Heimgekehrt unter das Kreuz des Südens heißt Dorothea Nürnbergs in Zusammenarbeit mit HORIZONT 3000 und dem Klimabündnis Österreich entstandenes Buch mit Impressionen aus dem brasilianischen Regenwald, das nicht nur, aber vor allem aus Gedichten besteht. Fünf Teile - Erdgeist, Amazonische Reise, Schatten über dem Regenbogen, Outros Quinhentos, Zwischen den Welten - umfasst der Lyrikzyklus, der mit dem Sonnenaufgang beginnt und mit Schatten aber doch auch einem Lichtreiz endet. Zwar ist in den Gedichten von der seit der "Entdeckung" vor 500 Jahren währenden Gewalt gegen die Indios die Rede, von Umweltzerstörung durch Brandrodung und Flussverschmutzung, und das durch Anritzen der Gummibäume gewonnene Kautschuk, wird im Gedicht seringueira (Gummibaum) schon mal als "weißes Blut" bezeichnet.

Doch Nürnberg will nicht durch gesellschaftlich relevante Themen eine poetische Umwegrentabilität erwirtschaften, vielmehr geht sie immer wieder auf Distanz und nimmt neu Maß. So betont sie einleitend, dass es sich bei ihren Impressionen nicht nur um eine Reise ins Innere Amazoniens handelt, sondern ebenfalls um einen Schritt in die eigene Psyche. "Leben - ein entscheidendes Wort, das entscheidende Wort." Wichtige Ergänzungen zu Nürnbergs Reflexionen liefern die in hoher Qualität reproduzierten Aquarelle und Gouachebilder des indianischen Künstlers Feliciano Lana, die Szenen aus dem mythischen und rituellen Umfeld zeigen, sowie der Beitrag von Higino Tenório vom Volk der Tuyuka. Auch in seinem Bericht Das Wissen der Töchter und Söhne der Steinschlange spielt das Wort "leben" eine wichtige Rolle. Auf einigen wenigen Seiten schafft er es, kurz in die Mythologie, Kultur und die Lebensweise seines Volkes einzuführen. Es klingt ein trotziges Selbstverständnis aus seinen Worten, die in ihrer Betonung der Natur als Mit- und nicht als Umwelt an Reden der nordamerikanischen Indianer oder der Aborigines erinnern. Und einmal mehr wird klar, dass Naturschutz allein nichts bringen kann, nichts bringen wird, wenn man nicht auch die Bedürfnisse der Indios, denen die Natur als einzige Lebensgrundlage dient, beachtet und mit entsprechendem politischen Willen durchsetzt.

Erste Schritte dazu sind in Brasilien durch die zunehmende Organisation und Vernetzung der verschiedenen Interessen und Stämme getan. Hoffen wir, dass dieses europäische Buch ein weiterer Pflasterstein auf dem weiten Weg sein möge. Zwei Euro des Verkaufspreises kommen indianischen Entwicklungsprojekten zugute.

(DER STANDARD; Album, 16.03.2002 - Von Stefan Gmünder)

Dorothea Nürnberg, heimgekehrt unter das kreuz des südens. EURO 19,90/100 Seiten. Haymon, Innsbruck 2002.

Hinweis: Am 18. März um 19 Uhr wird der besprochene Band im Palmenhaus, Schlosspark Schönbrunn, vorgestellt. Musik: Lauro Bandeira de Souza, es liest die Autorin.

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