Aufbruch ins gelobte Land

17. März 2002, 14:58
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Susan Sontags Roman über Auswanderung und Identität

Es gibt viele Metaphern für das Einwandererland Amerika: der vielfach kritisierte Schmelztiegel, der die ethnische Heterogenität der Immigranten unter großem Energieaufwand zu einheitlichem Amerikanertum wandelt; die Salatschüssel, in der verschiedenste Nationalitäten appetitlich durcheinander geschüttelt werden ohne sich aufzulösen, bedeckt lediglich von der amerikanisierenden Salatsauce; oder gar der (im Zeitalter des Multikulturalismus akzeptable) Quilt, in dem Ethnien und Rassen zu einem sinnvollen und ästhetisch anspruchsvollen Ganzen zusammengenäht werden, während deren Herkunft jedoch deutlich erkennbar bleibt.

Susan Sontags neuer Roman illustriert die Einwanderung mit dem ungewöhnlichen Bild der Bühne und des Schauspielertums. Die Fragen nach der alten und der neuen Identität, nach der Wandlung vom Europäer- zum Amerikanertum wird nicht essenzialistisch, als "Wesensfrage", interpretiert, sondern als Aspekt des Performativen: "Als Schauspieler braucht man kein Wesen. Vielleicht wäre es für einen Schauspieler hinderlich, ein Wesen zu haben. Ein Schauspieler braucht nur eine Maske." Der Einwanderer als Schauspieler.

In Amerika, für das Sontag die höchste U.S.-amerikanische Auszeichnung für Literatur, den National Book Award, erhielt, fiktionalisiert die Immigrantenerfahrung der polnischen Nationalschauspielerin Helena Modrzejewskaja, die 1876 von ihrem Mann, ihrem Sohn, und einer Entourage von ihr ergebenen Bewunderern begleitet, in die Vereinigten Staaten auswanderte und dort unter dem Namen Helen Modjeska schnell zur gefeiertsten Schauspielerin des Landes wurde. Maryna, wie sie im Roman heißt, ist zwar bewusste Polin, die ihre schauspielerische Arbeit in dem von der Karte gelöschten Land politisch versteht, jedoch gleichzeitig unter der Last leidet, "die Sehnsucht einer Nation zu verkörpern". Sie ist von großer Rastlosigkeit erfüllt, die sie in die Vereinigten Staaten drängt, um dort "neu" zu beginnen. Ihre Kunst gibt sie dabei vorübergehend auf, um in Kalifornien mit dem Geld ihres aristokratischen Mannes eine quasi utopische Weinbaukommune zu beginnen, die jedoch ohne Erfolg bleibt.

Mit ungeheurer Anstrengung - Amerika ist ein "Land voller Menschen, die an den Willen glauben" - gelingt es ihr nach diesem Fehlschlag, ihren polnischen Akzent weitgehend zu tilgen und zur Starschauspielerin der Vereinigten Staaten zu werden, die selbst in Großbritannien Erfolge feiert: "Ich habe mein Herz gegen die Vergangenheit gewendet. Dazu ist Amerika gut." Sontag, seit ihrer kritischen Selbstreflexion der amerikanischen Stellung in der Welt unmittelbar nach den Anschlägen des 11. Septembers so etwas wie ein politisches Schmuddelkind (die mehrfache Erklärung, dass sie mit der Stellungnahme nicht den Terrorismus gutheißen wollte, half nur wenig), widmet diesen Roman ihren "Freunden in Sarajewo". Dort hatte sie in den harten Jahren des Krieges und der Belagerung das Schicksal der multiethnischen Stadt geteilt und durch Theaterinszenierungen, etwa Warten auf Godot, versucht, ein kulturelles Zeichen des Protests zu setzen. Der Bezug des Romans zu ihrer Erfahrung in Sarajewo, den sie im ersten Kapitel explizit macht, ist vielfältig. Die Situation Polens im 19. Jahrhundert, eines von drei mächtigen autokratischen Staaten besetztes Landes, ähnelt sehr der des zerfallenden Jugoslawien, als ein saturiertes Westeuropa sich apathisch gegenüber konkretem Elend in seinem "Hinterhof" verhielt. Ihre Theatererfahrung in Sarajewo als politischem Raum mag ihr den Weg gewiesen haben zu diesem Schauspielerroman, in dem die Bühne trotz aller Zweifel und Selbstkritik seiner Protagonisten als Möglichkeit der Einübung und Inszenierung neuer (und möglicherweise weniger zerstörerischer) Identitäten erscheint. Gleich faszinierend für Sontag war jedoch sicherlich der erfolgreiche Weg einer äußerst zielgerichteten Frau, die danach strebte, sich immer wieder neu zu erfinden.

In Amerika ist ein formal höchst anspruchsvoller und vielfältiger Text, wie man ihn von einer sophisticated Literatur- und Kunstkritikerin wie Susan Sontag erwarten konnte. Im nullten (!) Kapitel mischt sich die Erzählerin, eine fiktionale Variante Susan Sontags, als unsichtbare Zeitreisende in ein Krakauer Hotel der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts, wo sie ihr Projekt der fiktionalen Rekonstruktion von Biografien problematisiert. Später wird der Roman ganz zum theatralischen Text, indem Dialoge so zerfetzt werden, dass jeweils nur die einem Sprecher zuzuordnenden Teile gedruckt, die jeweiligen Adressaten jedoch nicht identifiziert werden. Das letzte Kapitel ist ein trunkener Monolog Edwin Booths, des berühmtesten amerikanischen Schauspielers der Periode, vor Maryna, der ein Grundthema des Romans enthält: "Ach ihr Europäer. Ihr habt die Tragödie erfunden, und nun glaubt ihr, ihr habt das Monopol darauf. Und wir Amerikaner, wir sind alle unreife Optimisten. Stimmt."

(DER STANDARD; Album, 16.03.2002 - Von Walter Grünzweig)

Susan Sontag, In Amerika. EURO 25,60/479 Seiten. Hanser, München 2002.

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