Männer und Mutterschaft

17. März 2002, 14:52
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Aufgeklärte Leere: Elke Schmitter porträtiert Frauen um die vierzig

Wenn man nur wüsste", wiederholt die Landjungfer und Gymnasiallehrerin Olga am Ende von Tschechows Gesellschaftsdrama Drei Schwestern ein ums andere Mal: Wenn man nur wüsste, wozu man lebe, wenn man nur wüsste, wozu man leide. Damals - Tschechow schrieb sein Sehnsuchtsdrama aus der russischen Provinz im Jahre 1900 - zielten diese Sätze ins Innere einer brüchigen Gesellschaftsschicht, ins Mark einer ausgehöhlten, sich auf Konventionen mühsam abstützenden Klasse.

Mehr als hundert Jahre und viele Frauenschicksale später werden solcherlei Diagnosen allgemeiner Leere literarisch kaum mehr in dieser Direktheit gestellt - auch wenn sie in vielen der neueren Gesellschaftsromane und -dramen unausgesprochen in der Luft liegen: Selbst Elke Schmitter (Jahrgang 1961) verkneift sich in ihrem neuen Roman aus Berlins leerer Mitte allzu direkte Verweise auf das an den literarischen Vorgängerinnen aus dem 19. Jahrhundert geschulte Leiden ihrer Protagonistinnen. Das verwundert: Denn die Feuilletonjournalistin, Literaturkritikerin und Autorin Schmitter liebäugelte in ihrem viel diskutiertem Erstling Frau Sartoris noch sehr bewusst mit traditionellen Literatur-Folien. Frau Sartoris war eine Fortschreibung von Flauberts Madame Bovary in deutschen Nachkriegszeiten.

In Schmitters gerade erschienenem Nachfolgeband Leichte Verfehlungen pflegen "Frauen um die vierzig" ihr angenehmes Dasein als Akademikerinnen und Professorengattinnen. In nichts erinnert der Tagesablauf von Selma, einer freiberuflichen Berliner Radio- und Printjournalistin, an den repressiven Alltag einer - sagen wir - Romanfigur von Jane Austen, wenig erinnert in Bettinas Gefühlshaushalt an die zwischen Vernunft und Gefühl pendelnden viktorianischen Wesen im engen Korsett ihrer Zeit.

Schmitter beschreibt großstädtische Frauen von heute, die mehr oder weniger erfolgreich an ihrer Karriere, an der Erziehung ihrer Kinder, am Verdauen des Seitensprungs ihres Mannes arbeiten. Postfeministische Wesen, die mit ihren literarischen Vorgängerinnen kaum mehr als das Geschlecht gemein haben. Und doch schreibt Schmitter ihren suggestiven Beziehungs-, Großstadt, Klassen- und Campusroman im Geiste des (vor allem) englischen Gesellschaftsromans.

Da wäre in erster Linie Selma: Literaturwissenschafterin, die sich weniger berufliche als lebensästhetische Fragen stellt, sich schlicht, aber raffiniert kleidet und sich während der Abwesenheit ihres Mannes in Konrad, den selbstbewussten und gut gekleideten Regisseur verliebt. Da wäre in zweiter Linie Bettina: ebenfalls Literaturwissenschafterin, allerdings mit untreuem Mann und anstrengendem Kind, die ihre Habilitation zugunsten einer Tätigkeit als Dramaturgin (gemeinsam mit Konrad) verschiebt. Und da wäre Angelika, die nach Jahren gleichgeschlechtlicher Liebe plötzlich ein Kind erwartet, den Fötus aber verliert.

Zwischen diesen Hauptfiguren pendelt eine Geschichte, deren Fortgang allerdings kaum wesentlich ist: Bis den Lesern die laufenden Verästelungen der Beziehungskisten präsentiert werden, ist der angenehm zu lesende 300-Seiten-Roman auch schon am Ende angelangt. Es sind großstädtische Allerweltssituationen und -probleme einer Reihe von soziologisch genau bestimmten Akademikerinnen, die Schmitter dramaturgisch geschickt zu einem Roman arrangiert, der vor ein oder zwei Jahrzehnten sicher in eine Beschreibung des weiblichen Sorgenalltages gemündet wäre. Davon ist Schmitter aber weit entfernt: Die Probleme mit Männern und Mutterschaft werden mit einem Blick eingefangen, der gutmütig seziert, aber nie anklagt. Ausblicke (als Bildbeschreibungen oder Gedankenausritte) auf andere weibliche Lebensmodelle sind kontrastierend, aber nicht konfrontierend eingeschoben. Eine Grundstimmung von milder Ironie herrscht vor, in der theoretische Einschübe wie jene über Derrida oder Schnitzler als kecke (allerdings nicht besonders originelle) Seitenhiebe auf akademische Felder zu sehen sind. Während Frau Sartoris aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin berichtete, blickt Schmitter diesmal von weit oben auf ihre Heldinnen: "Die Vogelperspektive ist nur eine Weise, sich die Dinge vom Leib zu halten, oder von der Seele", sagt Selma einmal. Die leicht distanzierte Haltung der Autorin tut dem Roman aber nicht immer gut. Der Ennui, der die Figuren umtreibt, deren Sehnsüchte und nicht eingelöste Liebschaften, halten auch den Leser auf Distanz. In guten Momenten vermittelt Elke Schmitters Roman so das Gefühl eines beschädigten Lebens in einer allgemeinen aufgeklärten Bewusstseinslosigkeit. In schlechteren Momenten schwappt die Leere auf den Leser selbst über.

(DER STANDARD; Album, 16.03.2002 - Von Stephan Hilpold)

Elke Schmitter, Leichte Verfehlungen. EURO 19,90/ 310 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2002.

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