Tragisch, banal, grotesk...

17. März 2002, 14:54
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Prosa des Bachmann-Preisträgers Michael Lentz

Michael Lentz ist der Gewinner des letzten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes. Der Fischer Verlag präsentiert den 38-jährigen Autor nun mit einem Band gemischter Prosa, der aufgrund des fluoreszierenden Umschlags auch als Nachtlicht zu gebrauchen ist. Die Auswahl zeigt Lentz von seiner experimentellen Seite und als einigermaßen konventionellen Erzähler. Von der gemäßigten Kleinschreibung, die er durchgehend verwendet, muss man wohl auf einen ausgeprägten Standpunkt zur Orthografie schließen. Dass Rhythmus und Klang eine große Rolle spielen, ist auch an den weniger experimentellen Arbeiten deutlich zu erkennen. Öfters tritt als Ich-Erzähler ein Autor hervor, der gerade dabei ist, etwas auf- oder umzuschreiben und gerne Wörter mit "scheiß" bildet. Man begegnet ihm meist auf Reisen - in Rom, Berlin, Paris -, von denen er kurze Tagebücher abliefert, unter Einbeziehung verschiedenster kulturgeschichtlicher Aspekte und Fakten.

Autobiografische Bezüge werden in diesem Buch nicht unterdrückt oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, insofern liegt es voll im Trend. Zum Beispiel betätigt sich Lentz als Literaturforscher im Bereich der Avantgardegeschichte. Er publizierte bereits zwei hochgelobte Bände zur Lautpoesie in der edition selene, für Herbst 2002 ist dort auch ein Buch über Lettrismus angekündigt. In einer der Geschichten berichtet Lentz von einem Besuch bei Isidore Isou, dem Begründer des Lettrismus, in dessen Wohnung in Paris. (Als Begleiter wird unter anderen sein Wiener Verleger Alfred Goubran erwähnt.) Wie er abwechselnd das Interview mit dem körperlich unbeweglichen Isou, touristische Touren an Prominentengräber und den Handel mit literarischen Reliquien in konspirativen Buchhandlungen beschreibt, hat seinen morbiden Charme und enthält interessante Details. Raum für Sentimentalität gibt es hier keinen. Die lässige Coolness des Ich-Erzählers ist nicht getarnte Hysterie, wie so oft in der neueren Popliteratur, sondern basiert auf hohem literarischem Reflexionsniveau.

Analytische Distanz muss andererseits nicht Teilnahmslosigkeit bedeuten, das zeigt besonders auch der Bachmann-Preis-Siegertext "Muttersterben". Lentz verarbeitet in diesem einzigen längeren Text, wie er in Interviews selbst bestätigte, den Krebstod seiner eigenen Mutter. Der autobiografische Stoff drängt den formalen Aspekt ein wenig in den Hintergrund, bringt ihn aber nicht zum Verschwinden. Das heftigste emotionale Statement in dieser Anordnung aus Fragmenten der Erinnerung und des Krankheitsverlaufs, aus allgemeinen Überlegungen und subjektivem Empfinden vermittelt sich eigentlich durch den Rhythmus: das andauernde Zerhacken größerer Sinneinheiten in kurze Satzfetzen klingt wütend. Die inhaltlichen Schlüsse wirken nicht immer sehr überzeugend. Eine Krankheit sei immer auch eine Krankheit des Bewusstseins, schreibt Lentz und reißt Szenen eines unbefriedigenden Frauenlebens in einer verlogenen Kleinstadt an. Kleinstadt macht Krebs, diese Andeutung steht im Raum und ist doch eigentlich ein Klischee der Kleinbürgerschreck-Kultur.

Vom Tod handeln noch drei weitere, kürzere Texte mit strengen formalen Konzepten, denen offensichtlich Nachrichtenmeldungen von grausigen Frauenmorden zugrunde liegen. Andere Texte handeln von Flecken, Zigarettenrauchen oder ähnlichen Alltagsdingen. In manchen Fällen ist überhaupt nicht so richtig auf den Punkt zu bringen, worum es geht. Sprache, denkt sich da ein pflichtbewusster Leser, hat ihre Eigendynamik und muss nicht immer einer Handlung oder einem Thema untergeordnet sein. Man kann sich auch in Sprachspielen verlieren, von der Sinnzertrümmerung und Akustik berauschen lassen, durch assoziative Gedankenwelten flanieren, an den Widerständen, die sich den Lesegewohnheiten entgegenstemmen, reizvolle Entdeckungen machen, interaktiv sein, weiterdichten. Jemand, der lieber Geschichten liest, allerdings, wird sich vielleicht eher fragen, wozu er ein roh präpariertes Stück Literatur decodieren und ergänzen soll, von dem nicht einmal der Verfasser eine ganz genaue Vorstellung zu haben scheint; oder warum man sich an enervierenden Wiederholungen, Variationen, dekonstruktiver Phrasendrescherei und anderen Techniken etwas vorführen lassen soll, was nach ungefähr vierzig Jahren experimenteller Dichtung und trotz ansteigender Medienpräsenz doch schon einigermaßen selbstverständlich ist: dass sprachliche Äußerungen und Kommunikationsvorgänge - wie Kultur insgesamt - nichts Eindeutiges sind.

(DER STANDARD, Album, 16.03.2002 - Von Christine Rigler)

Michael Lentz, Muttersterben. EURO 18,50/186 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2002.

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