Am Scheitern verzweifelt

17. März 2002, 14:55
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In ihrer neuen Erzählung nimmt Christa Wolf die alten Themen wieder auf

Leibhaftig ist ein ungewöhnliches, ein längst ungebräuchliches Wort für den Wirklichkeitsanspruch einer Erscheinung (nicht nur des "Leibhaftigen"). Vielleicht hat es Christa Wolf, die trotz ihres langen Schweigens zu den herausragenden SchriftstellerInnen deutscher Sprache im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu zählen ist, vielleicht hat ihr das Bekenntnishafte, das Wahrhaftige - das "so wahr ich hier stehe" - als Schlüsselbild und Titel eingeleuchtet; vielleicht hat aber auch die semantische Nähe zu "Leib" und "Haft" eine Rolle gespielt: "in der Haft des Leibes". Leib, Leben, Wirklichkeit der Erscheinung: ein Gefängnis, das die Psyche bis in die physiologische Existenz erschüttert.

Das Immunsystem der Protagonistin ist in einer auch für die behandelnden Ärzte erschreckenden Weise zusammengebrochen. Der Entzündungsherd in der Bauchhöhle flammt trotz einer Reihe von Operationen und trotz untadeliger ärztlicher Behandlung wie schwesterlicher Betreuung immer wieder auf. Dass auch der Staat, in dem dieses 1988 geschieht, krisengeschüttelt ist und am Rand des Zusammenbruchs steht - nicht zuletzt sichtbar und spürbar am Mangel des Nötigsten auch in der Intensivmedizin - das ist längst Geschichte anderer Art, als sie uns hier erzählt wird.

Die Krise, die die Lebensenergien der Patientin auf nahe Null reduziert hat, reicht viel weiter und tiefer zurück und ist vom persönlichen Lebensweg Christa Wolfs nicht zu trennen. Sie, die nach der so genannten "Wende" und "Wiedervereinigung" vom Zynismus der "Sieger" in die kulturelle Verbannung getrieben wurde, sie, die man unter der Anschuldigung des Mitläufertums mit dem DDR-Regime zu stigmatisieren versucht hat, hat diesen Zweifel an ihr (nach menschlichem Ermessen) nicht verdient. Sie hat schon lange zuvor gezweifelt, nicht zuletzt an sich; will heißen: an der Aufrechterhaltung der persönlichen Integrität unter Umständen, die eben nicht nur das politische Umfeld und System, sondern auch die eigene Position darin infrage stellen. Da gibt es die Protokolle der Schriftstellerkongresse, die davon Zeugnis geben, oder auch Kassandra.

Die einzige Ressource der ethischen Überzeugung ist die Hoffnung, die von der pragmatischen Vernunft - der Zweck heiligt jedes Mittel, auch die Todeszone oder die Todesschüsse - untergraben und aufgezehrt wird. Und genau das beschreibt das Empfinden der Protagonistin: Aufzehrung der Lebensenergien, Zusammenbruch des Immunsystems, das Leiden an der unaufhaltsamen Zerrüttung der eigenen Ideale durch die politischen Umstände. Die Psychosomatik steuert auf ein letales Ende zu, leibhaftig eben.

Der Infektionsherd wird schließlich radikal ausgeräumt, die Patientin überlebt, um Haaresbreite. Sie verdankt das fast schon aufgegebene Leben nicht so sehr dem Glück wie dem Einsatz des ärztlichen Teams. Man könnte auch sagen dem sozialen und engagierten Kollektiv; der mitmenschlichen Zuwendung. Das bleibt! Es bleibt gleichberechtigt neben dem partnerschaftlichen Du, das sie selbst dann noch begleitet, wenn es über die Kraft der Patientin geht, diese Brücke zum anderen aufrechtzuerhalten, und sie abtaucht in Delirien. In diesen Momenten, in denen sie aus der Zeit und der Verantwortung fällt, die Urteilskraft sie verlässt, steigt Erinnerung auf, bedrängt sie mit Bildern der Geschichte, die sie erlebt hat. Und immer wieder erscheint da der ehemalige Freund, der die ethische Überzeugung der politischen Pragmatik geopfert hat, bis auch er damit nicht mehr fertig wird. Er überlebt nicht. Altmodisch gesagt: Er richtet sich selbst.

Was Christa Wolf eindringlich und spröde erzählt, ist die Verzweiflung am Scheitern: am Scheitern der Visionen und Überzeugungen. Oder daran, dass man sie verrät. Was ihre Protagonistin am Leben erhält, ist das Leben selbst. Zum ersten Mal kann sie ans Fenster ihres Krankenzimmers treten. "Das Panorama besteht aus Stadt und Gärten und dem See, der bis zum Horizont reicht und in der Sonne blinkt. Darüber (. . .) gibt es ja ganze Gedichte. In Natur ist es aber auch schön, sagst du. Ich sage, ja, es ist schön. / Du sollst ja nicht weinen, sagst du. /- Das, sage ich steht auch in einem Gedicht." Ende des Buchs.

(DER STANDARD, Album, 16.03.2002 - Von Martin Adel)

Parabel, Metapher? Gleichviel. Man spürt, dass sich Christa Wolf dieses Buch abgerungen hat, um Frieden zu finden.

Christa Wolf, Leibhaftig. Erzählung. EURO 18,50/ 185 Seiten. Luchterhand 2002.

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