Stephan Schmidt-Wulffen wird neuer Rektor der Wiener Akadamie der bildenden Künste

17. März 2002, 22:13
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"Es ist ganz undenkbar, ohne studentischen Meinungsbildungsprozess auszukommen"

Wien - Die Nachricht von seiner Wahl zum neuen Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste ereilte Stephan Schmidt-Wulffen in New York. Übers Wochenende jettete der derzeitige Gastprofessor an der Columbia University über den Atlantik, um erste Gespräche in der Akademie, aber auch mit Ministeriumsvertretern zu führen. Im Interview mit der APA zeigt er sich äußerst zuversichtlich. "April ist mein erster Arbeitsmonat. Es wird zwar ein etwas improvisierter Arbeitsbeginn, aber auf Grund der kulturpolitischen Lage ist es sinnvoll, sich möglichst rasch am Geschehen zu beteiligen."

Zur Universitätsreform sei möglichst rasch eine Stellungnahme zu erarbeiten. "Wir müssen das im Grunde in der ersten Aprilhälfte verhandeln und hoffen, das Gesetz etwas besser auf die Bedürfnisse der Akademie zuschneiden zu können." Dabei wäre ihm von Seiten des Ministeriums "Offenheit und Interesse" signalisiert worden. Im Gesetzesentwurf, dessen Richtung der 50-jährige Deutsche grundsätzlich begrüßt ("Ich denke, dass die Selbstbestimmungsstruktur richtig ist!"), ortet er "zwei, drei brisante, weil völlig offene Fragen".

Meinungsbildungsprozesse

So sei die Funktion des Rektors gegenüber dem Aufsichtsratsgremium unklar, auch über konkrete Studiengänge und die Frage, wie weit Bakkalaureate für Kunststudien sinnvoll seien, wäre noch zu sprechen. Einen Verzicht auf studentische Mitbestimmung hält Schmidt-Wulffen, der die Universität als Dienstleistungsbetrieb sieht, für unsinnig und weiß sich dabei mit seinen Kollegen einig: "Es ist ganz undenkbar, ohne studentischen Meinungsbildungsprozess auszukommen. Wenn der Gesetzgeber glaubt, darauf verzichten zu können, müssen wir behelfsmäßige Strukturen finden, die dialogisches Lernen ermöglichen."

In den Dialog mit seinem Kollegium ist der künftige Akademie-Rektor bei seinem Blitzbesuch in Wien ebenso getreten wie mit seinem Vizerektor Michael Herbst, der mit 47 zu 54 Stimmen bei der Stichwahl nur knapp unterlag (ein Umstand, der Schmidt-Wulffen nicht stört: "Im Vergleich zum amerikanischen Präsidenten liege ich mit der Klarheit der Entscheidung gar nicht schlecht, glaube ich."). "Nach den Gesprächen, die ich geführt habe, bin ich höchst zuversichtlich. Mein Eindruck von der Akademie war ein sehr, sehr positiver. Überall finde ich sehr engagierte Leute, die nach Perspektiven suchen und aktiv werden wollen."

Neue Sichtweisen

Als von außen kommend, hofft der Kunst- und Sprachwissenschafter, der auch Philosophie studierte, neue Sichtweisen bieten zu können: "Ich selbst werde mich stark auf inhaltliche Fragestellungen konzentrieren, ein konzeptionelles Angebot machen, von dem ich hoffe, dass es eine gewisse Sogwirkung hat." Der Paradigmenwechsel in der Kunst müsse nachzuvollzogen werden: "Ein gewisser Kunstbegriff hat sich aufgelöst, die Kommunikationsgesellschaft bringt die Kunst dazu, ihre Rolle neu zu definieren. Ich begreife die Akademie als Forschungs- und Reflexionsinstitut im Sinne ästhetischer Praxis." Konkret heißt das: "Wir müssen die Bezüge zur Öffentlichkeit sehr intensivieren, weil das unser Forschungsgegenstand ist. So können wir uns auch legitimieren."

"Verbrechen der Wehrmacht" - Erste Ausstellung

Die erste Ausstellung, die der neue Rektor im Semperdepot der Akademie Anfang April eröffnen wird, ist die überarbeitete Schau "Verbrechen der Wehrmacht": "Schon die Wehrmachtsausstellung zeigt: Das, was wir an der Akademie tun werden, hat auch eine politische Relevanz." Gegenüber der Politik und ihren derzeitigen konservativen Schwerpunktsetzungen im Bereich der Kultur rät er im übrigen zur Gelassenheit: "Im Vergleich zur kulturellen Nachhaltigkeit ist ein Regierungswechsel etwas Kurzfristiges. Wenn kurzfristig andere politische Interessen da sind, soll es uns nicht weiter beunruhigen."

Wien schätzt Schmidt-Wulffen nicht nur als "eine der wenigen Städte in Europa, wo man wirklich mit Genuss leben kann": "Mir scheint beinahe, dass neben Los Angeles Wien das interessanteste und in einigen Aspekten progressivste Konvolut von Künstlern hat. Ich bin im Zweifel, ob Berlin da mithalten kann. Und ich glaube, dass die Akademie etwa gegenüber der Hochschule in Hamburg einen Zeitvorsprung von drei bis fünf Jahren hat. Wenn es uns gelingt, das neue Gesetz wirklich zu implantieren, haben wir eine sehr gute Ausgangslage."

Eine Ausgangslage die, so die erklärte Absicht des neuen Rektors, die Arbeitsgrundlage für mehr als eine Amtsperiode sein soll: "Wenn das nach drei Jahren zu Ende ist, ist es ein Betriebsunfall." (APA)

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