Augstein über Dönhoff: "Wir werden ihresgleichen nicht mehr sehen"

17. März 2002, 13:00
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"Spiegel"-Herausgeber löst altes Versprechen ein und schreibt Nekrolog über die verstorbene Publizistin

Hamburg - "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein (78) hat die am Montag im Alter von 92 Jahren verstorbene Publizistin Marion Gräfin Dönhoff in einem Nachruf gewürdigt. "Wir werden ihresgleichen nicht mehr sehen", schreibt Augstein in der neuesten Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins. Dönhoff habe ihn anlässlich seines 70. Geburtstages in einem Brief daran erinnert, dass sie vor Jahrzehnten "in einem kollegialen Pakt verabredet" hatten, "wenn es soweit ist - jeder, wer von beiden es immer sei, dem anderen einen Nekrolog schreibt". Jetzt sei die meistgelesene und einflussreichste Journalistin unserer Tage nach quälendem Leiden von uns gegangen.

Augstein erinnert daran, dass Dönhoff und er die ersten Journalisten waren, die mit Karl Eduard von Schnitzler, dem Parteipropagandisten der SED, 1959 ein Radiogespräch führten, das im gleichen Wortlaut von den Radiostationen der Bundesrepublik und der DDR ausgestrahlt wurde. "Es hat die Welt nicht verändert, hatte aber vorausschauenden Charakter."

"In der Nähe der Gräfin hielt ich mich gern auf"

"Wir vertraten durchaus nicht immer dieselben Positionen, aber Willy Brandt und Egon Bahr fanden in ihr, Henri Nannen und mir tatkräftige Mithelfer", schreibt Augstein weiter. Zusammen veröffentlichten Dönhoff und Augstein 1998 in der "Zeit" einen Artikel gegen den Lauschangriff der Regierung Kohl. Was die viel gereiste und sprachkundige Journalistin zu der "sich wild gebärdenden Regierung des George W. Bush" oder auf deutscher Seite zu den Plänen von Otto Schily sagen würde, müsse nun ungesagt bleiben.

"In der Nähe der Gräfin hielt ich mich gern auf", erinnert sich Augstein. "Ich fühlte mich da irgendwie geborgen." Zuletzt habe er telefonisch Verbindung zu der "Zeit"-Herausgeberin gehalten. "Wir hatten verabredet, uns endlich einmal wieder zu sehen. Der Termin wurde von Woche zu Woche verschoben, bis mir klar wurde, dass er nie mehr stattfinden würde. Auch wenn man einen Schlag jeden Tag erwartet, ist man doch konsterniert, wenn er erfolgt. Gott sei Dank starb sie nicht im Krankenhaus, sondern auf Schloss Crottorf, dem Schloss eines ihrer Neffen im Siegerland." (APA/dpa)

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