Der Bäck ist weg, es lebe der Bäck!

16. März 2002, 11:54
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Über Momente des ephemeren Erinnerns

Natürlich war es nicht so, dass sie von einem Tag auf den anderen verschwand. Es begann harmlos damit, dass wir die Bäckerei geschlossen fanden, an einem Wochentag, morgens um sechs. Der Oldie "No Milk Today", welchen man sich statt der bezirksbesten Kipferln auf die Zunge legte, wurde während der folgenden Tage schal, umso mehr der Verdacht zur Sicherheit wuchs, dass hier eine Epoche zu Ende gegangen war. "Der Bäck" - einer der letzten, der im Hinterhause buk - "ist weg!" und mit ihm die köstliche Verkaufsstube, wo es die Vorhut der Frühaufsteher im Morgengrauen zu mütterlichen Bäckersfrauen zog. Der nächste Akt des Dramas hob mit den Bauarbeitern an, welche allerdings nicht anrückten, um wie vorher ein herzhaftes Frühstück einzunehmen, sondern die sich im Gegenteil daran machten, den Putz von den Mauern zu schlagen. Womit der einzigartige Fassadenschmuck des Bäckerhauses fiel.

Wo noch vor einem Jahr zeichenhafte Ornamente mit Landmann, Garben und Ähren der Kreuzung von Siebenstern- und Neubaugasse ein gewerbliches Gepräge verliehen, glotzen heute die Großflächenfenster eines modischen Kaffeeausschanks mit leerem Blick auf die Straßenbahn: Wo man zuvor im Backwerk krosse Herzhaftigkeit suchte, werden heute zahnlose Tramezzini serviert. Am Muttermilchersatz eines Caffè Latte nippend, hängt man seinen Gedanken nach: Es ist wohl eine dieser Geschichten, die, wie man sagt, "das Leben schrieb".

Geschichte des Alltags, Geschichte des Erinnerns

Es ist eine Geschichte des Alltags, eine Geschichte der kleinen Wahrnehmungen und der trivialen Freuden. Und: Es ist eine Geschichte einer Erinnerung. Eine Geschichte auch, welche in allen ihren Komponenten aus jenem Materiale gewebt ist, welches man "Ephemera" nennt. Aus dem Griechischen kommend, wo ephímeros das nur auf einen Tag Bezogene, Vergängliche meint - allerdings auch das spezifische "Tag für Tag" -, hat der Wortstamm des Ephemeren Zweige in mehrere Disziplinen gereckt: Was als Ephemerídes die Tagebuchliteratur meint, figuriert zoologisch mit der Gattung der Eintagsfliegen und markiert eine astronomische Position. Zuletzt haben die Kulturwissenschaften den Begriff für sich entdeckt und polymorph für sich adaptiert. Hier siedelt sich das Ephemere in der Alltagsgeschichte an und tritt damit in Kontrast zu der offiziellen und "großen" Historie. In unserem Fall wäre das also die sehr lokale und für die Annalen der Metropole Wien zweifellos unerhebliche Geschichte vom Verschwinden eines traditionellen Gewerbebetriebs. Bemerkt man, dass mit ihm allerdings auch ein spezifisches Soziotop und ein unverwechselbarer Gefühlsraum untergegangen sind, so wird man anerkennen, wie voll von Bedeutungen diese "kleine" Stadtgeschichte sich darbieten kann.

Dies gilt dort umso mehr, wo man den Akzent auf die "Vergänglichkeit" des Ephemeren lenkt: Geschmack und Geruch senken - ebenso wie taktile, motorische und akustische - Sinnesdaten Erfahrungen in unsere Körper ein und damit ein (unbewusstes) Erinnerungsreservoir. So und nur so fühlte sich der Flaum des Weißbrotteiges an, umfing einen der leicht mit Schweiß und schwer mit Kaffee versetzte Morgenduft. So und nur so spürte man das grobe Einwickelpapier und stolperte man allmorgendlich wieder über die gleiche Stufe.

Erinnerungsorte und sensuelle Prägung

Alltagsgeschichte und sensuelle Prägung kreuzen sich an jenem Punkt mit einer größeren - nämlich der Wirtschaftsgeschichte -, wo es um Konsumgüter und Produktkulturen geht. Der Konsumartikel, der vergängliche Reiz, die beiläufige Wahrnehmung - mithin das "Nicht-Ding" an sich - wird solcherart zum "Erinnerungsort», an welchem sich Menschen und "histories" versammeln. Anders als Denkmäler aus Marmor, Stein und Eisen hält sich das ephemere Erinnern wenig an die offizielle Memorialkultur, sondern mäandert durch Mentalitäten, Praxen und Emotionen. Es könnte ein Kreuzungspunkt sein, an welchem einander Wirtschafts- und Lokalhistorie, Mentalitäts- und Wahrnehmungschronik, letztlich Körper- und Geistesgeschichte überlagern - was will man mehr: Der Bäck ist weg, es lebe der Bäck! []

(DER STANDARD, Beilage ALBUM, 16./17.3.2002)

Von
Christiane Zintzen

IFK
Reichsratstraße 17
1010 Wien

www.ifk.ac.at

Christiane Zintzen ist Lehrbeauftragte am Wiener Institut für Germanistik der Universität, Autorin kulturhistorischer Bücher und Kritikerin.
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