Eukalyptusbonbons im grauen Pelzmantel

15. März 2002, 21:02
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Mitte nächster Woche wird in Schönbrunn das Koala-Haus eröffnet - als Beteiligung am internationalen Koala-Schutzprogramm

"Kein Wasser" - das bedeutet "Koala" in der Sprache der australischen Aborigines. Diesen Namen verdankt der Koala der Tatsache, dass er nur selten trinkt. Dabei wurden die pelzigen Australier von den europäischen Einwanderern sogar für richtige Säufer gehalten: Weil die nachtaktiven Koalas die Tage schlafend und dösend in den Baumkronen verbringen und, wenn sie geweckt werden, sich nur langsam und geradezu desorientiert bewegen, hielt man sie für betrunken - der Alkohol sollte aus ihrer Blätternahrung stammen.

Koalas fressen ausschließlich Eukalyptus - der enthält zwar keinen Alkohol, aber einen hohen Grad an Tanninen und Phenolen und ist deshalb für die meisten anderen Tiere giftig. "Berauscht" werden Koalas auch davon nicht, sie haben nämlich besondere physiologische Anpassungen entwickelt, um diese Gifte zu neutralisieren.

Auch die beiden Koalas, die ab 21. März das neu errichtete Koala-Haus im Wiener Tiergarten Schönbrunn bewohnen werden, werden frischen Eukalyptus futtern - und deshalb wie Halswehzuckerln duften: Für sie werden mehrere Sorten Eukalyptus zweimal wöchentlich von den britischen Inseln eingeflogen; im milden britischen Klima gedeiht Eukalyptus in Plantagen, in Österreich selbst könnte der Nahrungsbedarf der Koalas nicht gedeckt werden. Auch andere Zoos müssen die Eukalyptus-Nahrung für ihre Koalas einfliegen, die Haltung von Koalas außerhalb ihrer australischen Heimat ist vor allem deshalb schwierig.

Nächtliches Treiben

Doch auch sonst sind Koalas keine einfachen Zoo-Insassen: Weil sie tagsüber schlafen, reagieren sie empfindlich auf Störungen. Die Besucher wiederum erwarten putzige Koalas, nicht nur bewegungslos im Baum schlummernde Fellkugeln. Deshalb macht man in manchen Tiergärten die Koala-Nacht zum Tag und bringt die Tiere in "Nachthäusern" unter, die nachts hell erleuchtet und am Tag dunkel sind: So können die Koalas bei ihrem Treiben beobachtet werden.

Doch dieses ist wenig spektakulär - Koalas sind nämlich "Sparmeister" in Sachen Lebensenergie. Eukalyptus ist sehr nährstoffarm, und der Koala kommt damit zurecht, indem er auf Sparflamme lebt: Er schläft bis zu 20 Stunden am Tag, und wenn er auf Nahrungssuche geht, tut er das langsam und bedächtig, fast wie in Zeitlupe.

Als "Koala-Bären" werden die putzigen Australier auch bezeichnet, doch mit Bären sind sie nicht im Entferntesten verwandt. Koalas sind Beuteltiere, nach einer kurzen Tragezeit von 34 bis 36 Tagen wird ein winziges, nur rund ein halbes Gramm "schweres" Junges geboren. Selbstständig kriecht es in den Beutel der Mutter, wo es Milch aus einer der beiden Zitzen saugt.

Der Beutel der Mutter ist - anderes als beim Känguru - nach hinten geöffnet. Hin und wieder steckt das Junge seinen Kopf daraus hervor, um direkt vom After der Mutter speziellen Kot aufzunehmen: So erhält es jene spezielle Darmbakterienflora, die es ihm später möglich macht, Eukalyptus zu verdauen.

Baby huckepack

Nach vier Wochen wiegt ein junger Koala ein halbes Kilogramm, erst nach vier bis fünf Monaten beginnt er, den Beutel für kurze Ausflüge zu verlassen. Es wird noch über viele Monate auf dem Rücken der Mutter umhergetragen.

Eine Koala-Mutter mit ihrem Jungen gibt ein wirklich rührendes Bild, doch damit ist es mit dem Koala-Sozialleben auch schon getan: Koalas sind Einzelgänger, Männchen und Weibchen treffen nur zur Paarung kurz aufeinander. Auch das hat seinen guten Grund: Eben weil Eukalyptus nur so wenig Nährstoffe enthält, ist auf einem Baum einfach nicht genug Nahrungs- und Lebensraum für mehrere Koalas.

Gefahr Mensch

Der Mangel an Lebensraum ist es generell, der den Koalas heute zu schaffen macht. Früher war es auch exzessive Bejagung: Allein im August 1927 wurden 584.738 Koalas erlegt - Hauptimporteur der besonders dichten und weichen Koala-Pelze waren die USA. Um 1940 war der Koala in Südaustralien ausgerottet, in Queensland hatten immerhin einige Zehntausend Tiere überlebt. Doch immer mehr Koala-Land wurde vom Menschen genutzt, die Eukalyptuswälder wurden gefällt, Straßen gebaut.

Unzählige Tiere kommen noch heute durch Autos ums Leben, und die schweren - ebenfalls durch Menschen verursachten - Waldbrände der letzten Jahre haben ihren Lebensraum weiter schrumpfen lassen. Die Australian Koala Foundation (AKF), eine regierungsunabhängige Organisation, die auch das Koala-Programm, an dem jetzt Schönbrunn teilnimmt, überwacht, bemüht sich deshalb in erster Linie um geeignete Schutzgebiete für Koalas.

Die beiden Schönbrunner Koalas, der männliche Bilyarra und die weibliche Mirra-Li, wurden beide in Tiergärten geboren. Sie sollen nicht - wie bei anderen, im engeren Sinn der "Erhaltungszucht" gewidmeten Programmen - in erster Linie für Nachwuchs sorgen, sondern Botschafter sein: für ihre frei lebenden Artgenossen, die sich zwar brav fortpflanzen, denen der Mensch aber einfach nicht mehr genug Lebensraum zugesteht.

Von STANDARD-Mitarbeiterin Andrea Dee

Koala-Infos plus Spendenmöglichkeit an die AKF unter www.savethekoala.com
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