Windmacher und Druckerzeuger

16. März 2002, 01:52
posten

Venedig-Biennale im Kreuzfeuer der Politik

Als ehemaliger Chef von Telecom Italia ist Franco Bernabé an Kummer gewöhnt. Dass er als neuer Biennale-Präsident massiven Polemiken ausgesetzt ist, noch bevor er eine Entscheidung getroffen hat, daran muss er sich gewöhnen.

Entscheiden aber kann der aus Sterzing stammende Manager nichts: Der Biennale-Verwaltungsrat ist nicht amtsfähig. Die Stadt Venedig und die Region haben ihre Vertreter noch nicht ernannt. Deshalb hätte Bernabé den Namen des neuen Leiters der Filmbiennale lieber nicht in der Zeitung gelesen. Doch wer Pierluigi Celli kennt, weiß, dass der Exgeneraldirektor der RAI ein Meister der Selbstvermarktung ist. Dass er vom Film wenig versteht, bestreitet der 60-Jährige: "Ich gehe mit Frau und Kind oft ins Kino."

Abgelehnt hat dagegen Piera Detassis, Chefredakteurin der Kinozeitung Ciak. Jetzt ist Detassis als Stellvertreterin Cellis im Gespräch. Dessen mögliche Wahl sorgt für Diskussionen: "Celli kennt die Welt des Kinos zu wenig", kritisiert Regisseur Carlo Lizzani: "Internationale Kontakte sind in dem Amt sehr wichtig."

Auch die ehemaligen Leiter der Filmbiennale Gillo Pontecorvo und Felice Laudadio halten es für problematisch, die Stelle mit einem zu besetzen, "der die Welt des Kinos nicht von innen kennt".

Querköpfe

Regisseur Franco Zeffirelli dagegen schätzt Cellis energisches Auftreten: "Bei so vielen Querköpfen braucht es eine starke Hand."

Besonders einer lässt seinem Ärger freien Lauf: Vittorio Sgarbi, Staatssekretär im Kulturministerium. Er hatte die Exleiter der Filmfestivals von Locarno und Taormina, Marco Müller und Enrico Ghezzi, vorgeschlagen. Seit Wochen versucht Sgarbi, seine Biennale-Kandidaten mit allen Mitteln durchzusetzen: den New Yorker Kritiker Robert Hughes für den Bereich Kunst und den Tessiner Mario Botta für die Architektur.

Kaum ein Tag, an dem der exzentrische Staatssekretär nicht lautstark "die Rückkehr zur Malerei" propagiert. Die "frittierten Fürze" vieler Künstler will der Avantgarde-Gegner von der Biennale verbannen. Exkulturministerin Melandri fürchtet angesichts des "Chaos" ums Prestige: "Jeder schlägt Namen vor, die Regierung übt Druck aus - und der Präsident schweigt."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 3. 2002)

STANDARD-Korrespondent Gerhard Mumelter aus Rom
Share if you care.