Das Debakel der liberalen Linken

15. März 2002, 20:35
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Wie Klischees und Hysterie in der Debatte über den 11. September den Blick verstellen - Ein Kommentar der anderen von Slavoj Zizek

Der Tenor der Einschätzung des 11. Septembers durch die Hegemonialideologie lautete: Die schönen Zeiten sind vorbei, jetzt muss Stellung bezogen werden - dafür oder dagegen (den Terrorismus). Und, da niemand offen dafür sein kann, bedeutet dies, dass jeder Zweifel, jede kritische Haltung, sofort als verdeckte Unterstützung des Terrorismus gewertet wird. ...

Totale Mystifizierung

Genau das aber ist die Versuchung, der man widerstehen muss: denn genau in diesen Momenten, in denen die Entscheidung so klar erscheint, erfolgt die totale Mystifizierung. Heute mehr denn je muss man seine ganze Kraft zusammennehmen, einen Schritt zurücktreten und über den Hintergrund der Situation nachdenken.

Kurz gesagt: Der Angriff auf das World Trade Center machte es notwendig, der Versuchung einer doppelten Erpressung zu widerstehen. Wenn jemand den Angriff klar und ohne Einschränkungen verurteilt, kann er einfach nur die ideologische Position beziehen, dass die USA unschuldig sind und vom Bösen aus der Dritten Welt angegriffen wurden; aber wenn jemand seine Aufmerksamkeit auf die tieferen sozio-politischen Ursachen des arabischen Extremismus richtet, kann er nur das Opfer selbst dafür verantwortlich machen, dass es endlich das bekommen hat, was es verdient....

Die einzige Konsequenz daraus ist, dies abzulehnen und beide Positionen gleichzeitig zu beziehen: Es existiert keine Wahl zwischen diesen beiden Positionen, jede der beiden ist einseitig und falsch.

Unschuld unter Feuer

Die Erzählung des amerikanischen Patriotismus - die Unschuld unter Feuer, das Aufwallen des Nationalstolzes - ist natürlich hohl; andererseits ist die Sichtweise der Linken wirklich soviel besser? Die Reaktionen von europäischen, aber auch amerikanischen Linken waren schlechterdings skandalös: Alle nur vorstellbaren Dummheiten wurden da gesagt und geschrieben, bis hin zur "feministischen" Argumentation, dass die WTC-Türme zwei phallische Symbole wären, die darauf warteten zerstört ("kastriert") zu werden.

War da nicht etwas Entwürdigendes und Kleinliches in der Rechnung, die an den Holocaus-Revisionismus erinnerte (Was sind 6000 Tote gegen die Millionen Toten in Ruanda, im Kongo etc.)? Und was ist mit der Tatsache, dass die CIA die Taliban und Bin Laden (mit)erschaffen hätten, indem sie sie finanzierten und ihnen halfen, die Sowjets in Afghanistan zu bekämpfen? Warum wurde diese Tatsache als Argument GEGEN einen möglichen Angriff auf die Taliban herangezogen? Wäre es nicht viel logischer gewesen, zu sagen, dass genau das ihre Pflicht sei, nämlich uns von den Monstern, die sie geschaffen haben, zu befreien?

In dem Moment, wo jemand denkt "Ja der Einsturz der WTC-Türme war eine Tragödie, aber man kann sich mit den Opfern nicht völlig solidarisieren, weil das bedeuten würde, den US-Imperialismus zu unterstützen" ist die ethische Katastrophe schon eingetreten: Die einzige annehmbare Haltung ist die bedingungslose Solidarität mit ALLEN Opfern. In dem Moment, in dem man bezüglich der Solidarität mit den WTC-Opfern Bedenken hat, wird die richtige ethische Haltung durch moralisierende Mathematik von Schuld und Schrec ken ersetzt, die den Punkt völlig verfehlt: Der Tod eines jeden Individuums ist absolut schrecklich und nicht aufrechenbar.

Hysterische Vorwegnahme

Eine anderer Punkt, in dem die Linke kläglich versagte, war, dass sie in den Wochen nach dem Angriff zu ihrem alten Mantra "Gib dem Frieden eine Chance! Krieg bedeutet nicht das Ende der Gewalt!" zurückkehrte - ein klassischer Fall von hysterischer Vorwegnahme, indem nämlich auf etwas reagiert wurde, das in der erwartetet Form einfach nicht passiert ist. Statt einer genauen Analyse der neuen komplexen Situation nach den Angriffen und der Chancen, die sich der Linken dadurch eröffnen, um ihre eigene Interpretation der Er eignisse zu präsentieren, kam das rituelle "Kein Krieg!", das sogar an der elementaren Tatsache vorbei geht, dass dies eben kein Krieg wie alle anderen, und dass die Bombardierung von Afghanistan keine Lösung sei. Eine traurige Situation, in der George Bush mehr Denkvermögen bewies als die meisten Linken!

Es gab noch ein Phänomen, das diesen liberalen Selbstbetrug deutlich machte: In den Tagen nach dem 11. September berichteten die Medien, dass Bücher über den Islam und die arabische Kultur im allgemeinen plötzlich zu Bestsellern wurden: Die Menschen wollten den Islam verstehen, und man kann mit Sicherheit annehmen, dass die große Mehrheit jener, die den Islam verstehen wollten, keine antiarabischen Rassisten waren, sondern Leute, die dem Islam eine Chance geben wollten, ein Gefühl dafür entwickeln wollten, sie wollten sich selbst überzeugen, dass der Islam eine große spirituelle Macht ist, die nicht für terroristische Angriffe verantwortlich gemacht werden kann.

Berlusconis "Versprecher"

Diese Haltung mag zwar sympathisch sein aber sie bleibt eine Geste der ideologischen Mystifikation par excellence: das Erforschen anderer kultureller Traditionen trägt nämlich genau NICHT dazu bei, die politische Dynamik zu erfassen, die zu den Ereignissen des 11. Septembers geführt hat. Und ist nicht die Tatsache, dass derzeit führende Politiker des Westens von Bush bis Netanyahu und Sharon gebetsmühlenartig wiederholen, dass der Islam eine großartige Religion sei, die mit den schrecklichen Verbrechen, die in seinem Namen passieren, überhaupt nichts zu tun hat, ein deutliches Zeichen dafür, dass an diesen Lobgesängen etwas falsch sein muss?

Als Silvio Berlusconi seinen berühmten "Versprecher" hatte, in dem er zur Konsternierung der westlichen Liberalen behauptete, dass Menschenrechte und Freiheiten aus der christlichen Tradition hervorgingen, die dem Islam deutlich überlegen sei, war seine Haltung wesentlich eindeutiger als der abstoßend herablassende Respekt vor der spirituellen Tiefe des Anderen.

Fiasko der Linken

Das Fiakso der Linken führt uns gezwungenermaßen zur grundlegenden Frage: Ist der tolerante liberale Multikulturalismus tatsächlich das natürliche politische Ziel des weltweiten Kapitalismus? In der Davos-Ausgabe von Newsweek (Dezember 2001/ Februar 2002) wurden die Essays zweier bekannter Meinungsgegner nebeneinander veröffentlicht: Samuel P. Huntingtons "The Age of Muslim Wars" und "The real Enemy" von Francis Fukuyama. Wie passen die denn zusammen - Francis Fukuyama mit seiner pseudohegelianischen Idee vom "Endes der Geschichte" (die endgültige Formel der bestmöglichen sozialen Ordnung ist die kapitalistische, liberale Demokratie) und Samuel Huntington mit seiner Vorstellung des "Kampfes der Kulturen" als wichtigste politische Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts?

Beide stimmen überein, dass der militante fundamentalistische Islam heute die größte Bedrohung darstellt - vielleicht sind ihre Ansichten aber gar nicht so entgegengesetzt, und wir kommen zur Wahrheit, wenn wir beide zusammen lesen: Der "Kampf der Kulturen" ist "das Ende der Geschichte" ... (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.3.2002)

Gekürzte Fassung eines Essays auf der Grundlage jener Thesen, die der Autor vergangene Woche bei der von Volkstheater und STANDARD veranstalteten Matinee-Reihe zum Thema "Globalisierung und Gewalt" referierte und die mit Jean Baudrillard (siehe ALBUM) fortgesetzt wird.

Der 1949 in Ljubljana geborene Philosoph und Psychanalytiker forscht derzeit am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, Deutschland, über die "Antinomien der postmodernen Vernunft"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    11. September 2001

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