Töne ohne Meinung

15. März 2002, 20:17
posten

Giorgio Battistellis "Auf den Marmorklippen" in Mannheim und Hans Werner Henzes "Verratenes Meer" in Frankfurt

Zwei politisch brisante Werke provozieren die Frage, ob das Operngenre dem heiklen weltanschaulichen Gestus der vertonten Vorlage tatsächlich mit Gleichgültigkeit begegnen darf.


Mannheim/Frankfurt - Es qualmt aus allen Ritzen der berstenden Bühne. Stuntmen fliegen durch die Luft, während auf dem Boden die in Lumpen gehüllte Menge heult und kläfft. Ein machthungriger Oberförster hat die Meute wieder in Tiere verwandelt und die Ruhe der Marina um die bizarren Marmorklippen zerstört, ein sadistischer Waidmann, in dem viele Fans von Ernst Jünger eine Karikatur des gerne jagenden Generalfeldmarschalls Hermann Göring erblicken.

Während den einen der Roman als Zeugnis des Widerstands gilt, wird er für die anderen zum Beleg für Jüngers Affinität zu rechtsnationalem Gedankengut: Auf den Marmorklippen, 1939 entstanden und nun im Auftrag des Mannheimer Nationaltheaters von Giorgio Battistelli vertont, gilt als eines der umstrittensten Bücher des Dichters. Nicht minder umstritten ist auch Schriftsteller Yukio Mishima, dessen Roman Der Seemann, der die See verriet als Vorlage der vorletzten Oper von Hans Werner Henze diente.

Der Zufall wollte es, dass Das verratene Meer einen Tag nach der Uraufführung von Battistellis Marmorklippen in der Frankfurter Oper in einer Inszenierung von Nicolas Brieger auf die Bühne gelangte. Und somit die Frage provozierte: Kann Oper der politische Gestus ihrer Vorlagen gleichgültig sein? Es wäre verwunderlich, könnte Henze als Exponent der politischen Linken diese Frage bejahen. Was Henze an dem Roman Mishimas interessiert hatte, war auch nicht das faschistoide Ideal vom männlichen Heros, dem der Seemann Ryuji entsagt, weshalb er von der Jugendgang Noborus regelrecht hingerichtet wird.

Vielmehr spiegelt sich für Henze in der Dualität zwischen dem Meer, als Symbol eines kosmischen Naturelements, und dem Heim, das Ryuji und seine Geliebte Fusako, die Mutter Noborus, errichten möchten, die Kluft zwischen Freiheit und Pflicht- erfüllung. Während Henze in seinem Libretto stark abweicht vom zweifellos problematischen Original, übertrugen Battistelli und sein Librettist Giorgio van Straten den Roman Jüngers eins zu eins für die neue Oper:

Kritische Position

Just in der Verdichtung zu neun Szenen wirkt die mythische, direkt aus der Prosa zu Dialogen geformte Sprache Jüngers, die wohl nur mit Mühe eine kritische Position gegenüber der eskalierenden Gewalt herauslesen lässt, nur umso problematischer. Und der Geruch des Faschistoiden wird noch erheblich penetranter angesichts von Sätzen wie: "Er hat den Drachen der Furcht in seiner Brust erlegt."

Zu allem Überfluss verstärkt Battistellis Musik, die durch Schlagwerkeinsatz immer rhythmischer verdichtet wird, bloß den atavistischen Grundzug von Auf den Marmorklippen. Da nutzt es wenig, dass der 49-Jährige die musikalischen Schichten auffächert, um den Chor im Sinne einer "akustisch-visuellen Dramaturgie" oft aus dem Off singen zu lassen, wenn die (Dirigent: Adam Fischer) immer brachialer werdende Rhythmik Jüngers Distanzlosigkeit zur Gewalt auch noch musikalisch verdoppelt.

Dass Musik sehr wohl Stellung beziehen kann gegenüber einem politisch fragwürdigen Stoff demonstriert Henze: Während die brutale Gang der Halbwüchsigen von den Rhythmen der Schlaginstrumente dominiert wird und die Traumwelt des ödipal an seine Mutter geketteten Noboru (Peter Marsh) von einem Pianino, werden der Seemann Ryuji (Claudio Otelli) und dessen Sehnsucht nach Familie von den Holzbläsern charakterisiert, die bürgerliche Welt der Fusako (Pia-Marie Nilsson) wiederum von Streichern.

Durch diese instrumentale Differenzierung lässt Henze im Gegensatz zu Battistelli nie einen Zweifel offen, wie stark er sich von Gewalt distanziert. Solche Distanz konnte in Mannheim auch das von fliegenden Leibern und forschen Feuerschluckern bestimmte Regiekonzept von La Fura dels Baus nicht erzeugen. Immerhin zeigten die Szenen, als sich die Hirten rund um die Brüder Minor (Thomas Berau) und Otho (Thomas Jesatko) zu einer Art Gralsprozession um Computerbildschirme formieren, technikkritische Züge.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 16.03.2002)

von Reinhard Kager
Share if you care.