Beidbeinig in Fettnäpfe

15. März 2002, 20:04
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Kommentar von Harald Fidler

Neuen Ministern wird eine Schonfrist eingeräumt, traditionell von hundert Tagen. Warum nicht auch ORF-Direktoren? Arbeitet man sich als Politiker oder Manager in ein Themenfeld ein, kann kein so großer Unterschied sein. Wirklich groß ist er auch nicht. Beiden bleibt zum Beispiel ab einer Mindestschwelle der Wichtigkeit selten erspart, trotz Schonfrist gleich nach ihrer Bestellung Interviews zu geben. Beide sollten schon in diesen Gesprächen zumindest zart durchschimmern lassen, warum gerade sie für diesen Job ausgesucht wurden. Dem neuen, ersten Onlinedirektor des ORF, Ronald Schwärzler, ist das gehörig misslungen.

Man kann fast jeden schon bei seinem Antrittsinterview in Grund und Boden fragen, erklärte ein Kollege seine ungewohnt sanfte Gesprächsführung bei solchen Anlässen. Doch das war es in diesem Fall nicht: Ohne Not und ohne mit gemeinen Fragestellungen aufs Eis geführt zu werden, wartete Schwärzler mit Aussagen auf, die den Schluss nahe legen, er kenne Onlinemedien (und insbesondere jenes, das er künftig leiten soll) nicht einmal als User, sondern nur von der Seite des Netzwerktechnikers. Er hüpfte beidbeinig von Fettnapf zu Fettnapf, knietief. Von Verplaudern kann keine Rede sein: Zumindest das STANDARD-Interview war autorisiert, also vor Druck noch einmal vorgelegt, wurde dabei noch merklich entschärft.

Das Team von ORF On, stark mit seinem Chef Franz Manola identifiziert, ist ob des neuen Direktors hochgradig nervös. Schwärzlers unbedarfte Aussagen geben einigen Anlass dazu.

Oft schon musste er erkennen, ergänzte der Kollege: Härtere Antrittsinterviews hätten Fehlbesetzungen vielleicht rascher beendet. Schwärzler muss einiges und das rasch lernen, soll man das nicht auch über ihn sagen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16./17. März 2002)

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