Deutschland: Von Briten genervt

15. März 2002, 20:07
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Die SPD probt die Emanzipation vom Londoner Original: "Wir sind desillusioniert von den Sprechblasen"

Tony Blair und der Dritte Weg sind out - zumindest in Deutschland. Nach britischem Vorbild wurde 1998 die "Kampa", die SPD-Wahlkampfzentrale, aufgebaut. In den ersten Monaten nach der Übernahme der Amtsgeschäfte suchte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder häufig Blairs Nähe und schickte Mitarbeiter über den Ärmelkanal: Man habe sich zeigen lassen, wie ein großes Land regiert werde, so ein Beamter im Kanzlerbüro.

Inzwischen wird im Berliner Kanzleramt Blair sogar öffentlich die Vorbildfunktion abgesprochen. "Er ist uns mit seiner Schulmeisterei auch gehörig auf die Nerven gegangen. Wir sind desillusioniert von den Sprechblasen der Blair-Leute", sagt Mathias Bucksteeg, Leiter des Referats "Auswertung von Programmen und Modellen politischer Problemlösungen" im Amt des Bundeskanzlers. Bucksteeg hat das Schröder-Blair-Papier mit formuliert und distanziert sich inzwischen davon: "Es gibt keinen Masterplan, sondern lediglich einige Übereinstimmungen." Inzwischen interessiere "niemanden mehr, was die Briten machen".

Der "dritte Weg" sei auch ein politischer Kampfbegriff in Deutschland gewesen. "Damit konnte man die Linken ärgern. Doch inzwischen ist Oskar Lafontaine weg und praktisch auch die Linke."

Jetzt, im Wahlkampf wird der Begriff keine Rolle spielen. Bucksteeg, mit 36 Jahren jüngster Referatsleiter, sieht inzwischen andere Länder als Vorbilder an - immer fachbezogen: So orientiere man sich in der Arbeitsmarktpolitik an den Niederlanden, Dänemark und Schweden. "Während die Schweden Politik machen, betreiben die Blair-Leute viel mehr wohlfeiles Gequatsche." Seit der Emanzipation von Großbritannien sucht die Bundesrepublik auch wieder stärker die Nähe Frankreichs. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.3.2002)

STANDARD- Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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    SPD-Kanzler Gerhard Schröder ringt um ein Lächeln.

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