Starker Staat und privat im Kombipack

15. März 2002, 20:08
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Frankreichs Premier Lionel Jospin bevorzugt den adaptierten Mittelweg

Eigentlich erstaunlich: In Frankreich, wo normalerweise die großen Ideen Vorrang haben vor der pragmatischen Realität, steht die Theorie des Dritten Weges nicht sehr hoch im Kurs - dafür wird sie wirtschaftspolitisch stärker angewendet als in vielen Nachbarländern. Einer von wenigen, der sich in Paris intensiv mit Anthony Giddens beschäftigte, ist bezeichnenderweise "nur" Halbfranzose:

Der in Deutschland geborene Daniel Cohn-Bendit hat vor den französischen "Verts" (Grünen) schon öfters erfolglos für den Dritten Weg geworben. Dieser wird von Franzosen mit Blair gleichgesetzt, als einem Trojanischen Pferd der Neoliberalen. Der kürzlich verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu forderte deshalb in guter französischer Tradition, die neuen sozialen Bewegungen müssten sich mit dem Staat verbinden, auch wenn dies vielen Freiheitsdenkern ein Gräuel ist.

Adaptierter Mittelweg

Bei näherem Hinsehen ist allerdings unübersehbar, dass der sozialistische Premierminister Lionel Jospin (64) in seiner fünfjährigen Amtszeit seit 1997 einen Mittelweg fand. Kein Regierungschef vor ihm privatisierte so viele Staatsfirmen und -konzerne. Aber kein EU-Staatsoberhaupt schützte auch seinen öffentlichen Dienst so stark, keiner kam den Arbeitnehmern (mit der 35-Stunden-Woche) so weit entgegen wie Jospin. Im Vergleich zum Ex-Trotzkisten Jospin ist Blair Neoliberaler. Mit seiner Konjunkturpolitik war Jospin zudem erfolgreicher als Gerhard Schröder. Frankreichs Wirtschaftspolitik wurde so zu einer anderen Version des Dritten Wegs. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.3.2002)

STANDARD- Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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    Lionel Jospin sucht den Mittelweg und scheint ihn gefunden zu haben.

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