Anthony Giddens: Ab durch die "aktive Mitte"

15. März 2002, 20:09
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Der Soziologe wurde mit seiner Bibel der Wegbereiter einer neuen Strömung in der Sozialdemokratie

Im Jahr 1994 war Anthony Giddens noch auf der Suche. "Jenseits von Rechts und Links" (so der Titel seines Buches) müsse es doch noch etwas geben, wie sozialdemokratische Politik gemacht werden könne. Vier Jahre später wurde der britische Soziologe von der renommierten London School of Economics fündig: "Der Dritte Weg" sollte den Ausweg aus der Ära Thatcher zur "Erneuerung der sozialen Demokratie" weisen.

Am Ende dieses Weges sah der laut Eigendefinition "öffentliche Intellektuelle" Giddens als verheißungsvolles Ziel eine sozial verantwortliche Marktwirtschaft. Er wollte die Wachstums- und Beschäftigungsschwäche des traditionellen sozialdemokratischen Staatszentrismus überwinden, dem Strukturwandel durch Informationstechnologien und Globalisierung begegnen und trotzdem den Sozialstaat erhalten.

Giddens argumentiert den Reformeifer damit, dass historisch gesehen nach dem Zweiten Weltkrieg der Aufbau des Sozialstaates und dessen Reformen so ziemlich alle anderen politischen Themen dominiert haben. Als mächtiges Gegenmodell habe sich das neoliberale Programm zu Wort gemeldet: Dieses sei aber "als politische Philosophie gestorben".

Der politische Ausweg aus der Krise führte laut Giddens' ab durch die "aktive Mitte": Eine neue "Mitte-links-Bewegung". Giddens schwebte ein "Modell einer neuen gemischten Wirtschaft" vor mit "Synergieeffekten von öffentlichem und privatem Sektor", "indem sie die Dynamik des Marktes für das öffentliche Interesse nutzt".

Ziel war ein "neues Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, eine Neudefinition von Rechten und Verantwortungen". Tenor: Eine Linke, für die Globalisierung nicht an sich schlecht ist, die aber darauf beharrt, dass eine bürgerliche Gesellschaft, die nur auf Marktwirtschaft vertraut, nicht wünschenswert ist, sondern institutionalisierte Sozialsysteme braucht.

Der Dritte Weg als Richtungsvorgabe für sozialen Ausgleich zwischen Markt, Macht und Menschen erwies sich indes in der politischen Praxis als einigermaßen kurvenreich und steinig. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.3.2002)

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    foto: www.lse.ac.uk/giddens
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