Vivendi verwirrt die Anleger

15. März 2002, 18:00
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Der Stern des französischen Medienmoguls Jean-Marie Messier verblasst

Paris - "Nach vier Stunden Sitzung verstehe ich die Konzernstrategie noch weniger als vorher", meinte ein Pariser Börsenhändler dieser Tage, nachdem er an einer Finanzorientierung der Vivendi-Gruppe teilgenommen hatte.

Messier hatte die Anleger einberufen, um ihnen darzulegen, warum er mit einem Jahresverlust von 13,6 Mrd. Euro einen Negativrekord in der französischen Firmengeschichte aufgestellt hat. Der größte Teil geht auf massive Abschreibungen und Bewertungsveränderungen bei Tochterunternehmen oder Zweigsparten zurück: 3,1 Mrd. Euro beim Musikgeschäft von Universal, das Vivendi von der kanadischen Seagram übernommen hatte; 1,3 Mrd. Euro bei den Universal Filmstudios sowie sechs Mrd. Euro bei dem französischen Bezahlfernsehsender Canal Plus. All diese Medienunternehmen - und ein paar mehr - hat Messier in letzter Zeit aufgekauft. Gleichzeitig entledigt er sich früherer Firmenbestandteile des Wasserbaukonzerns Compagnie Générale des Eaux, den er 1998 in das Medienimperium Vivendi umgebaut hatte.

Zu viel

Das war ein bisschen viel auf einmal. Die Börsenanleger und Shareholder kommen nicht mehr mit: Die Vivendi-Aktie hat seit der Fusion mit Universal Ende 2000 weit mehr als ein Drittel an Wert eingebüßt und schneidet damit im Schnitt 50 Prozent schlechter ab als die Medienkonkurrenten AOL-Time Warner, Disney oder Viacom. Nachdem Messiers vorrechnete, dass der Nettoverlust nach US-Bilanzkriterien lediglich 1,1 Mrd. Euro betragen würde, beruhigte sich die Lage wieder etwas.

"Willkommene Klärung"

Heute begrüßen aber angelsächsischen Anleger den Milliarden-Abschreiber als "willkommene Klärung". Das Schlimmste sei vorüber, meint auch die Financial Times, die in Vivendis Zahlensalat sogar eine "verbesserte Transparenz" ausmacht. Die stärkste Kritik kommt heute nicht aus New York, wo Messier eine 20 Millionen Euro teure Wohnung an der Park Avenue bewohnt. Ausgerechnet die Franzosen, die ihr Medienwunder bisher ohne große Ironie als "Magic Messier" gefeiert hatten, gehen nun auf Distanz.

"Vivendi Universal gleicht einer Armee, die einzig damit beschäftigt ist, die Soldaten in Schlachtordnung aufzustellen, ohne dass es ihr gelänge, eine Offensive zu lancieren", meint der Ökonom Jean-Louis Gombeaud stellvertretend für viele Pariser Stimmen. Zuzuschreiben hat sich der so medienversierte Vivendi-Patron solche Kommentare selbst. Vor Weihnachten hatte er den "Tod der kulturellen Ausnahme" Frankreichs deklamiert; in Paris hörte man bloß heraus, das französische Kino werde sich wohl noch ganz im Hollywood-Mainstream - dem nun auch Vivendi Universal huldigt - auflösen.

Messier hat damit persönlich ebenso viel Vertrauen verloren wie seine Unternehmen an der Börse. Und in einer Branche, in der das Image alles ist, leidet auch das Geschäft darunter. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 16.3.2002)

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