Teamfähige Techniker gesucht

15. März 2002, 17:45
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Bildungsministerin Elisabeth Gehrer im STANDARD- Interview

STANDARD: Immer weniger Jugendliche wollen Fächer wie Physik oder Chemie studieren.

Gehrer: Stimmt. Dabei ist das die Zukunft: Biologie, Technologie, Informatik, Physik und Chemie. Und am besten alles querdurch.

STANDARD: Kann es sein, dass einem in der Schule die Lust dazu vergeht?

Gehrer: Im naturwissenschaftlichen Bereich gibt es Reformbedarf. Deshalb läuft ja auch das Forschungsprojekt "neue Methodik im naturwissenschaftlichen Unterricht". Das wird in die Lehrerausbildung aufgenommen.

STANDARD: SP-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl hat eine Arbeitszeitverkürzung für Schüler gefordert. Ist das sinnvoll?

Gehrer: Wir haben vor einiger Zeit sechs Unterrichtsstunden für die Zehn- bis 14-Jährigen gestrichen. Da hat man über "Bildungsabbau" geschimpft. Die jetzigen Stunden sollten nicht mehr gekürzt werden. Wahnsinnig wichtig wäre aber, dass der Stoff so erarbeitet, geübt und gefestigt wird, dass die Schüler daheim nicht mehr stundenlang hocken müssen.

Was der Wirtschaft außerdem bei den jungen Leuten fehlt, ist die Fähigkeit zu Teamarbeit. Fächerübergreifende Teamarbeit, gemeinsames Lösen von Aufgaben - dies wird notwendiger denn je. Das gehört zur Qualitätsentwicklung von Schulen dazu.

STANDARD: An der Uni beklagt man, dass Studienanfänger zu wenig auf eigenständiges Arbeiten vorbereitet sind. Was tun Sie dagegen?

Gehrer: Projektorientiertes Arbeiten ist in der Oberstufe besonders wichtig. Ich möchte aber auch die Universitätsprofessoren bitten, in die Schulen zu gehen und ihr Studienfach vorzustellen und zu bewerben - gerade die Naturwissenschafter. Das ist in anderen Ländern gang und gäbe.

STANDARD: Da werden Ihnen die Professoren wohl ausrichten, dass sie dafür zu überlastet sind.

Gehrer: Die Ausrede gilt nicht. Gerade in den Naturwissenschaften wird über Studentenmangel geklagt. Publizisten und Psychologen müssen ja nicht werben gehen, die haben eh zu viele Hörer.

STANDARD: Die SPÖ fordert vehement ein Kurssystem für die siebte und achte Klasse AHS. Wieso sind Sie so skeptisch?

Gehrer: Ich verstehe die SPÖ nicht. Sie war immer dafür, jede Weiterentwicklung vorher zu erproben. Ich habe vor drei Jahren zu Schulversuchen aufgefordert, aber kein einziger wurde eingereicht. Obwohl das ja auch ein gemäßigtes Kurssystem sein könnte, in dem sich die Hauptfächer bis zur Matura ziehen. Es wäre unverantwortlich, etwas, das nie erprobt wurde, über alle Schulen zu stülpen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16./17.3.2002)

Mehr fächerübergreifende Projekte und eine Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der AHS- Oberstufe peilt Bildungs- ministerin Elisabeth Gehrer an. Mit ihr sprach Martina Salomon.
  • Artikelbild
    foto: standard/matthias cremer
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