Sympathieträgerinnen im Wahlkampf

15. März 2002, 17:06
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In Frankreich gehen die Kandidaten- Gattinnen Bernadette Chirac und Sylviane Agacinski-Jospin auf Stimmenfang

Zwei elegant gekleidete Frauen, die schweigend in die gegenteilige Richtung blicken: So wurde das einzige Moment, als Bernadette Chirac und Sylviane Agacinski-Jospin zusammen in der Öffentlichkeit auftraten, von einem Fotografen verewigt. Jetzt, da der präsidiale Wahlkampf begonnen hat, sind die Gattinnen von Staatschef Chirac und Premier Jospin noch größere Rivalinnen. Im Unterschied zu ihren Männern befehden sie sich aber nicht offen: "Frauen", meint die adlige Bernadette Chodron de Courcel, "haben mehr Stil."

Hohe Popularitätswerte

Die feministische Philosophin Sylviane Agacinski kann nur bestätigen. Die beiden so unterschiedlichen Frauen haben nicht nur stilvolle Auftritte gemeinsam: Sie sind auch beide sehr populär. Jetzt werden sie als Sympathieträgerinnen eingesetzt - die 69-jährige Bernadette als konservative Stimmenfängerin alter Schule, die 55-jährige Sylviane als moderne berufstätige Ehefrau. Und beide als Magnet für weibliche Wählerinnen, die in Frankreich in präsidialen Urnengängen den Ausschlag geben.

Die blaublütige Bernadette, eine ehemalige Archäologin, ist seit langem ein Begriff als Geldsammlerin zu humanitären Zwecken und als Lokalpolitikerin. Sie kämpft keineswegs gegen ihr altmodisches Image an und steht freimütig dazu, dass sie ihren Mann siezt und gegen Scheidung und Abtreibung ist.

"Magd des Herrn"

In einem kürzlich erschienenen Beststeller ("Konversation") bezeichnet sie sich selbst als "Magd des Herrn": mit ein Zeichen, dass sie sich nicht um die Spötter schert, laut denen sie der Parvenu Jacques nur wegen ihrer noblen Herkunft 1956 geheiratet habe. Bernadette sieht darüber mit einem Lächeln hinweg. Und erntet damit nur noch mehr Stimmen - für Jacques.

Sylviane ließ sich bisher weniger für Männersachen einspannen. Seit ein paar Wochen markiert aber auch sie Medienpräsenz und lässt sich von Paris Match mit Lionel in (fast) allen Lebenslagen ablichten. Sie nimmt jetzt an Wahlmeetings und -reisen teil und äußert sich in Zeitungs beiträgen zu philosophischen Fragen der Frauenrechte - wie etwa der Homosexuellen- und Ersatz-Ehe "Pacs", die von einem gewissen Lionel Jospin eingeführt wurde. Sylviane heiratete den Premier 1994, wobei beide Kinder aus erster Ehe einbrachten. Eine Jospin- Biografie erzählt, wie der Spitzenpolitiker das einfache Parteimitglied der Sozialisten bei einem Theaterbesuch verführt habe. Sylviane gibt heute schmunzelnd zu, dass sie dies dem Buchautor selber "gesteckt" habe. Der als steif und trocken geltende Jospin wirkt plötzlich etwas menschlicher. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.3.2002)

STANDARD- Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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