Ein Flüchtlingsdrama in Peking

15. März 2002, 15:16
posten

NordkoreanerInnen flehen "auf Knien und mit Tränen" um Asyl

Der Reisebus, der an der Ecke San-Litun-Straße in Pekings Diplomatenviertel hielt, wirkte ebenso unauffällig, wie die schwatzende und lachende Schar von 25 KoreanerInnen, die aus ihm ausstieg. Sie trugen Käppis mit Sichtblenden und folgten ihrem Führer und seiner Reisefahne. Ein CNN-Team filmte die Touristenszene. Der chinesische Wachtposten vor dem offenen Eingangsportal der Botschaft Spaniens beachtete die Gruppe kaum. Plötzlich sprinteten die Männer, Frauen und Kinder los, an dem Posten vorbei auf das diplomatisch geschützte Gelände.

Chinas Hauptstadt Peking erlebte zum zweiten Mal innerhalb von neun Monaten ein Flüchtlingsdrama mit NordkoreanerInnen. Vergangenen Juni hatte eine siebenköpfige Familie sich Zutritt zur diplomatischen Vertretung des UN-Flüchtlingshilfswerks verschafft. Nach komplizierten Verhandlungen ließ China sie aus humanitären Gründen nach Südkorea ausreisen. Pjöngjang, das auf sein Auslieferungsabkommen mit Peking pocht, schaute wütend drein.

Zwei Jahre verborgen

Die sich dank Fluchthelfern mit einem angemieteten Reisebus als TouristInnen ausgebenden nordkoreanischen Flüchtlinge hielten sich schon seit mehr als zwei Jahren im Nordosten Chinas verborgen. Einige von ihnen hatten monatelang in Wäldern in Erdhöhlen gehaust, andere sich bei Verwandten versteckt. Die Flüchtlinge erklärten, sie hätten solche Angst vor Verfolgung in Nordkorea, dass "wir uns entschieden haben, für die Freiheit unser Leben zu riskieren" und sich nicht ausliefern lassen. "Wir können nur auf Knien und mit Tränen um Asyl flehen."

Die Gruppe mit sechs Familien sei die Spitze eines Eisbergs, berichtet der 44-jährige Arzt Norbert Vollertsen. Er arbeitete einst eineinhalb Jahre in Nordkorea, wurde mit Preisen dekoriert und vor zwei Jahren ausgewiesen, als er sich zu genau umschaute und "unerträgliches Elend und Repression" entdeckte. In den letzten zwei Jahren suchte er dann fünfmal Chinas Grenzgebiete mit Nordkorea auf, traf dort heimlich mit Flüchtlingen aus dem Heer von weit über 100.000 Nordkoreanern zusammen, die Hilfsorganisationen im unwegsamen Berggebiet und in den Wäldern vor Nordkoreas Tumen-Flusses versteckt vermuten. "Ich habe Geschichten von einer Hölle auf Erden gehört." Seitdem will der Düsseldorfer nur noch helfen und die Welt aufklären. Nach den sieben NordkoreanerInnen vom vergangenen Juni und jetzt 25 würden noch mehr folgen. So wie die Prager Ereignisse einst für die DDR könnte auch die Flüchtlingsfrage über Peking zum Menetekel Nordkoreas werden, hofft der deutsche Arzt.

Die 25 NordkoreanerInnen sollten ursprünglich in die nur 600 Meter entfernte deutsche Botschaft hineingeschmuggelt werden. Anonym gebliebene FluchthelferInnen fanden aber keinen passenden Zugang in das sicherheitsgeschützte Gebäude. Daraufhin sei "spontan" die spanische Botschaft gewählt worden.

Das Außenministerium verkündete, dass China "kein Flüchtlingsproblem mit Nordkorea" habe. Nach dieser Erklärung haben die Verhandlungen begonnen. DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 15.3.2002

STANDARD-Korrespondent Johnny Erling aus Peking

Weitere Informationen:
RENK
Share if you care.