Österreich hat die meisten "kritischen Demokraten"

17. März 2002, 16:00
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Studie untersuchte Zusammenhang von vorhandenem Sozialkapital und ihre Auswirkungen auf die Demokratie

Wien - Die Studie "Sozialkapital und Demokratie" wurde am Freitag vom Zentrum für angewandte Politikforschung (ZAP) in einem Pressegespräch präsentiert. Die Studie untersuchte den Zusammenhang von vorhandenem Sozialkapital und ihre Auswirkungen auf die Demokratie. Im Vergleich standen sämtliche europäischen Demokratien und die USA. Die Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass sich vorhandenes Sozialkapital positiv auf die Demokratie auswirkt und eine Besonderheit der Österreicher entdeckt: Österreich hat die meisten "kritischen Demokraten".

Die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft wird zum einen vor ihrem Finanzkapital und dem Humankapital - wie Bildung - geprägt. Ein dritter Faktor ist das "Sozialkapital". Darunter versteht man das interpersonale Vertrauen, also das Entgegenbringen von Vertrauen einem anderen Menschen gegenüber. Der zweite Punkt bezieht sich auf die Unterstützung gemeinschaftsbezogener Werte und Normen. Das beeinhaltet etwa kooperatives Handeln innerhalb einer Gesellschaft und die Ablehnung widersprechendem Verhalten, z.B. das Ablehnen von "Schwarzfahren" oder "Steuerhinterziehen". Der dritte Punkt betrifft das Engagement in Freiwilligen-Organisationen, ob beruflicher Natur wie in Gewerkschaften oder freizeitlicher Natur, etwa in Form der Mitarbeit bei karitativen Organisationen.

Sozialkapital verbessert die Qualität der Demokratie

Auf der Suche nach dem Einfluss des Faktors "Sozialkapitals" auf die Demokratie kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass vorhandenes Sozialkapital die Qualität der Demokratie verbessert. In Österreich, so die Studie, gibt es 4,3 Prozent an "Sozialkapitalisten". Gegenstück dazu sind die "Nichtbesitzer von Sozialkapital" mit 8,1 Prozent. Österreich liegt damit im Mittelfeld der untersuchten Länder. Der Politikwissenschaftler und Mitautor Oscar W. Gabriel von der Universität Stuttgart verglich die Zahlen mit der Verteilung von Reichtum in einem Land, wobei es wenige ganz Reiche, einen "großen Bauch" im Mittelfeld gebe und wiederum wenige ganz Arme.

Besonders hohe Werte erzielte Schweden mit 12,3 Prozent. Das Schlusslicht bildete Ungarn mit 1,6 Prozent. Dabei ist zu beachten, dass sich Wohlstand zum einen und etwa totalitäre Regierungsformen in der Vergangenheit auf die Bildung von Sozialkapital auswirken. In osteuropäischen und südeuropäischen Ländern sind die Dimensionen des Sozialkapitals schlechter entwickelt.

Der "kritische Demokrat"

Das Sozialkapital fördert zum einen das soziale Engagement und politische Aktivität. Ist vermehrtes interpersonales Vertrauen vorhanden, vertraut man auch eher den politischen Systemen und unterstützt das politische Modell der Demokratie, fördert aber auch den "kritischen Demokraten". Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er die Demokratie als Modell der Regierungsform unterstützt, gleichzeitig dem Funktionieren der Demokratie skeptisch gegenübersteht.

Dieser Typus des "kritischen Demokraten" ist in Österreich am stärksten ausgeprägt. Der Politikwissenschaftler Fritz Plasser stellte fest, dass die Daten vor den letzten Wahlen erhoben wurden, also vor der "österreichischen Wende". Waren damals die "kritischen Demokraten" in erster Linie unzufriedene FPÖ-Sympathisanten, so ist die Anzahl an Kritikern nach der "Wende" gleich hoch. Jedoch hat das Lager gewechselt: Die heutigen Kritiker sind in erster Linie dem sozialdemokratischen Lager zuzuordnen. (APA)

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