Smail Balic (1920 - 2002)

15. März 2002, 14:30
posten

Kulturhistoriker und früherer Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Wien - Der Islam-Experte, Kulturhistoriker und frühere Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Smail Balic, ist in der Nacht auf Freitag in Wien im Alter von 82 Jahren verstorben. Laut Kathpress setzte sich der Verstorbenen besonders für einen "europa-konformen" Islam ein. Kardinal Franz König würdigte Balic einmal als "die europäische Dimension eines südeuropäischen autochtonen Islam". Bosnische Moslems wie Balic seien "auch aus europäischer Sicht eine sehr wertvolle Brücke zwischen der Welt des Islam, vor allem im Bereich der arabischen Staaten, und einer christlichen Orientierung des westlichen Europa".

Smail Balic wurde im Jahr 1920 in Mostar in Bosnien-Herzegowina geboren und wuchs in der Tradition des europäischen Islam auf. Er studierte islamische Theologie in Sarajewo sowie Turkologie, Arabistik und Slawistik an den Universitäten Wien, Leipzig und Wroclaw, dem damaligen Breslau, In Wien promovierte Balic 1945. Er war in der Folge Lehrbeauftragter an der Öffentlichen Lehranstalt für Welthandel in Wien. Vor seiner Pensionierung war er Oberstaatsbibliothekar und Fachreferent für Linguistik (orientalische Sprachen). Balic war Träger des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

Balic plädierte für einen Islam, der die demokratischen und pluralistischen Gesellschaften Europas bereichern könnte. Jenseits des heute oft mit religiösem Fanatismus und politischem Radikalismus gleichgesetzten Islam zeichnete Balic das Bild einer toleranten, konsensfähigen und weltoffenen Religion. Er beschäftigte sich auch mit umstrittenen Themen wie dem Frauenbild des Islam und engagierte sich im christlich-islamischen Dialog. Balic war überzeugt, dass der Islam eine Reform brauche, die die Zeitbedingtheit vieler seiner Ausprägungen sieht, ohne dabei die Tradition zu verlassen. Er kritisierte besonders die Instrumentalisierung des Islam zu politischen Zwecken. Gewalt sei kein Markenzeichen des Islam, sein "erster Grundsatz" sei vielmehr der Schutz des menschlichen Lebens. Die Scharia, das islamische kanonische Recht, bezeichnete Balic als eine Konstruktion der Nachwelt Mohammeds und in ihrem Gesamtumfang heute nicht mehr akzeptabel. Nach den Terroranschlägen in New York hatte eine differenzierte Sichtweise des Islam im Westen als Gebot der Stunde eingefordert und gleichzeitig die Anschläge auf das Schärfste verurteilt. (APA)

Share if you care.