Was ist nur aus der "Presse" geworden?

15. März 2002, 20:00
17 Postings

15. März 2002

Was ist nur aus der "Presse" geworden? Eine Frage, die medial interessierte Wahrheitssucher im Laufe der Jahre ganz unterschiedlich beantwortet haben, aber keiner je so geschliffen und überzeugend wie Claus Pándi in der "Kronen Zeitung" vom Dienstag. Um sein Urteil vorwegzunehmen: Anders als die "Krone" ist "Die Presse" nicht mehr das, was sie einmal war. In der einst bildungsbürgerlichen Zeitung haben sich bei dem Blatt des katholischen Pressvereins nur wenige Journalisten aus besseren Tagen halten können. Selten finden sich dort kritische Betrachtungen zu manchem Unfug der jetzigen Regierung, und dann sind sie auch noch ungereimt. Vielleicht weil dafür eine besondere Presseförderung erwartet wird?

Die "Krone" nagt lieber am Hungertuch der allgemeinen Presseförderung, als sich kritische Betrachtungen zum Unfug eines Politikers verbieten zu lassen, der glaubt, er könne nach Belieben und in aller Gelassenheit eine Regierung bilden, ohne erst beim Herausgeber um Erlaubnis zu fragen. Aber der hat in diesem lokalen Investiturstreit Gott auf seiner Seite, huldigt ihm doch allwöchentlich die kirchliche Hierarchie, geschlossen vom Kardinal bis zum Kräuterpfarrer. Demnächst verheißen sie jedem "Krone"-Abonnenten zehnjährigen Ablass für alle fleischlichen Sünden, und was den Finger betrifft, mit dem der Herausgeber täglich die Frau von nebenan antippt, ist nur noch die Frage, ob er dereinst im Dom zu St. Stephan oder von St. Pölten als Reliquie zur Verehrung freigegeben wird.

"Die Presse" hingegen? Hingegen findet die Redaktion kirchenkritische Betrachtungen originell. Beispielsweise darf sich in der einst feinen Samstags-Beilage "Spectrum" die Psychoanalytikerin Perner über das "sexuelle Fehlverhalten katholischer Priester" auslassen. Kein Wunder, dass der "Presse" dann zum politischen Fehlverhalten der Regierung nichts Originelles mehr einfällt. Und in diesem Stil geht 's munter weiter, wobei der Vorwurf der Munterkeit die "Presse" besonders hart treffen muss. So bezeichnet das früher wegen seiner differenzierten Erörterungen geschätzte Blatt die Überlegung, auf Abfangjäger zu verzichten, als Schmarotzertum.

Wes Ursach' dieser Verfall? Möglicherweise liegt es daran, dass der "Presse"-Chefredakteur seinen Laden einfach nicht im Griff hat? Anders ist schwer zu erklären, dass dort nach dem Unfall im Tiergarten Schönbrunn unter einem Foto eines Jaguars geschrieben stand: "Einer der mutmaßlichen Täter". Und der Stellvertreter dieses Chefredakteurs verteidigt diese Formulierung als Ironie!

Na ja, wenn der Heilige Geist auslässt! Wie sehr hingegen der Chef der "Krone" den Laden bis hinein in die Präsidentschaftskanzlei in seinem Würgegriff hat, war gestern auf der Titelseite zu bewundern, wo sein Redakteur, der neulich an derselben Stelle im Blatt Russlands Putin die Hand schüttelte, nun dasselbe an Irans Khatami vollzog. Darunter ein munterer Text. Irans Präsident in der "Krone": Angebot an die USA zum Dialog. Wäre das Angebot ernst und nicht ironisch gemeint gewesen, hätte Herr Khatami zweifellos auch noch die "Kronen Zeitung" mit dem Aufmacher vom Montag in die Kamera gehalten: Was Österreicher am meisten lieben.

Was also ist aus der "Presse" geworden? Pándis hartes Urteil, freilich ganz ironisch gemeint - ein Schmierblatt. Traurig, sich so etwas von einer der Stilblüten des heimischen Journalismus sagen lassen zu müssen. Dabei war Pándi sichtlich um Zurückhaltung bemüht. Schließlich könnte er den Verfall der einst bildungsbürgerlichen Zeitung noch an ganz anderen Beispielen demonstrieren. So wusste Dienstag der Leiter der High Tech Presse, Dr. Peter F. Mayer (pfm), in einem Kommentar von einem Homo mobilus zu berichten, und zwar hartnäckig. Er behauptete etwa: Handy und digitaler Assistent werden immer mehr zur unentbehrlichen Ergänzung von Gehirn, Mund, Augen und Ohren - aus dem Homo sapiens wird der Homo mobilus. Oder: Eine riesige Industrie betreut den Homo mobilus. Daher: Der Homo mobilus ist immer verbunden, erreichbar und informiert.

Wenn das unsereinem passiert, in einem Blatt, das sich im Sündenpfuhl der neuen deutschen Orthographie wälzt, mag der Leser das noch mit einem "O tempora et cetera" abtun. Aber ein Homo mobilus im letzten Rückzugsgebiet von abendländischer Kultur und humanistischer Bildung! Wenn neulich sogar der Papst die "paupera lingua latina" beklagte, hat man gehofft, wenigstens auf "Die Presse" wäre noch Verlass.

Stattdessen Kritik nur am sexuellen Fehlverhalten katholischer Priester". Apropos mobilus, lässt pfm in der "Presse" nicht locker: Meine Freundin Nini meint, sie würde sich schon mit einem Homo sapiens begnügen. Vernunft sei ihr wichtiger als zu große Mobilität. Anders als Hans Dichands Sprachrohre sind Frauen schon mit so wenig zufrieden.

Von Günter Traxler
Share if you care.