Naher Osten: Hilfe unter Feuer

14. März 2002, 20:08
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In den besetzten Gebieten entartet der Konflikt zur Barbarei: Zwei Rettungssanitäter starben dieser Tage im Kugelhagel der israelischen Armee. Kommentar der Anderen von Fredy Mayer

Am Abend, als Ibrahim Assad starb, hat mich ein Mitarbeiter im Gespräch über die Ereignisse im Nahen Osten auf ein Stück des britischen Dramatikers Howard Barker gestoßen. Barker wehrt sich gegen jede tagespolitische Vereinnahmung, stellt aber als unerbittlicher Aufdecker der verborgenen Spannungen im Kern jeder sozialen Ordnung immer währende Fragen. Zum Beispiel: Darf man bestimmte fundamentale Grundwerte aufgeben, wenn man eigentlich um deren Erhaltung kämpft? Kann es passieren, dass einem genau dadurch abhanden kommt, was man so verbissen zu retten versucht?

Ibrahim Assad war Rettungssanitäter des Palästinensischen Roten Halbmondes. Ein Sanitäter, wie man sie auch bei uns kennt, so typisch, dass sogar die soziodemografischen Daten - 40 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder - stimmen. Er und ein weiterer Sanitäter - Kamal Hamdan von der Ambulanz der Vereinten Nationen - starben im Feuer der israelischen Armee, als sie nach einem Notruf ihre Ambulanzstation in Tulkarem (West Bank) verließen - in ihren mit international anerkannten Schutzzeichen markierten Fahrzeugen.

Nur drei Tage vorher hat Dr. Khalil Sulieman, Leiter der Ortsstelle Jenin des Palästinensischen Roten Halbmondes, unter ähnlichen Umständen das Leben verloren. Er war mit seiner Ambulanz unterwegs, um ein verletztes Mädchen aus einem Flüchtlingscamp (West Bank) zu evakuieren. Beide Male hatten die Einsätze das Clearing der israelischen Behörden. Nach wie vor sind dieselben Behörden nicht bereit, auch nur zu diskutieren, wie man die Arbeit der Ambulanzdienste in den betroffenen Gebieten ermöglichen könnte, ohne nach jedem Einsatz mit einem toten Arzt oder Sanitäter rechnen zu müssen.

Seit jeher hat es in allen Kulturen Bestrebungen gegeben, Verhaltensregeln für die Kriegführenden festzulegen, um die Kriegsfolgen zu beschränken und der Barbarei vorzubeugen. Diese aus der Gewohnheit hervorgegangenen Regeln sind heute geschriebenes Recht, universell gültige Verträge wie etwa die Genfer Abkommen. Darin sind die Ambulanzdienste geschützt. Rotkreuz-Arbeit im Krieg hat immer ein wenig mit dem biblischen Zitat zu tun, in dem der, der mit dem Schwert lebt, auch durch das Schwert stirbt. Aber wir sprechen hier nicht mehr von jenem Restrisiko, das bei der Arbeit in Konfliktgebieten trotz aller Vorkehrungen nicht ausgeschaltet werden kann. Wenn - von welcher Partei auch immer! - Ambulanzen und Sanitäter attackiert werden, die Verletzten und ins Kreuzfeuer geratenen Zivilisten zu Hilfe kommen, dann werden grundlegendste zivilisatorische Minima unterschritten. Und das war schon immer ein Indikator für das völlige Entarten von Konflikten.

Ich habe keine Verbesserungsvorschläge, die nicht schon anderswo geäußert worden wären. Nur die Worte eines unserer Delegierten, der versucht hat, die verzweifelte Ratlosigkeit angesichts solcher Attacken in Worte zu fassen: "Alle unsere Bemühungen beruhen auf der Überzeugung, dass der Mensch selbst inmitten der schlimmsten Entartungen des Krieges ein fundamentales Maß an Menschlichkeit bewahrt. Ereignisse wie diese machen es schwierig, diesen Glauben zu bewahren. Doch ohne ihn müssten wir eingestehen, dass nichts den Menschen vom Tier unterscheidet, und das werden wir nicht eingestehen." - Vielleicht müssen wir uns etwas anderes eingestehen: dass der Mensch gar nicht zum Tier werden kann. Weil er offenbar am Tier vorbei in den Abgrund stürzt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

Fredy Mayer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes
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