Krebs durch Poliovakzin

14. März 2002, 19:38
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Auch die Krankheit selbst ist noch nicht besiegt

Dallas/Atlanta - Die Ausrottung von Polio im Westen durch Impfungen seit den 50er-Jahren hat vermutlich einen hohen Preis: Der Impfstoff (Vakzin) war lange mit einem Virus verunreinigt, das mit einem häufigen Blutkrebs in Zusammenhang gebracht wird. Und die endgültige Ausrottung von Polio weltweit - Planziel: 2005 - könnte in die Ferne rücken, seit es in der Karibik vor zwei Jahren durch den Impfstoff selbst neu ausgebrochen ist.

Polio kommt von einem Virus, das bei einem Prozent der Infizierten zu Paralyse führt ("Kinderlähmung"). 1952 entwickelte Jonas Salk einen Impfstoff aus abgetöteten Viren, 1957 folgte Albert Sabin mit einem Lebendimpfstoff aus geschwächten Viren. Der Salk-Impfstoff ist - normalerweise - ungefährlich, gibt aber keinen dauernden Schutz und muss gespritzt werden. Sabins Schluckimpfung schützt auf Dauer, kann aber in Einzelfällen zum "Erwachen" der Viren und damit zur Erkrankung führen.

Anfang der 60er-Jahre bemerkte man eine Verunreinigung des Salk-Impfstoffs: Er wurde mit Affenzellen produziert, die ein Affenvirus in den Impfstoff brachten, SV40. Dieses Virus verursachte an Versuchstieren Tumoren. Der verunreinigte Impfstoff wurde aus dem Verkehr gezogen, aber 30 Millionen Menschen hatten ihn schon im Körper. Schlimmer noch: Das Virus zirkuliert seitdem unter Menschen, auch später Geimpfte tragen es. Und Ärzte der University of Texas in Dallas haben es nun bei 42 Prozent jener Patienten gefunden, die an einem der opferreichsten Tumoren leiden, dem Blutkrebs Non-Hodgkin's Lymphom.

Anderes droht Menschen dort, wo Impfprogramme laufen, aber nicht alle erfassen: In Haiti und der Dominikanischen Republik brach dann im Jahr 2000 Polio aus. Die Ursache wurde nun von den Centers of Disease Control in Atlanta geklärt: Die Viren stammen aus einer Sabin-Impfung und hatten sich in Geimpften durch Rekombination mit wilden Verwandten wieder belebt. Über Exkremente kamen sie in die Umwelt und zu Ungeimpften. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

Vgl. The Lancet, Vol. 359, S. 851

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