Pilz im STANDARD-Interview: "Das blaue Jahrzehnt geht zu Ende"

15. März 2002, 12:24
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Der Grüne Sicherheitssprecher spricht über die Zukunft der Grünen und rät seiner Partei, sich ein Beispiel an der Taktik der FPÖ zu nehmen

DER STANDARD: Welche inhaltliche Positionierung würden Sie den Grünen für die kommenden Wahlen empfehlen?

Pilz: Das lange Jahrzehnt der FPÖ geht zu Ende, und es besteht erstmals die Chance auf ein grünes Jahrzehnt. Es muss uns wie der FPÖ 1985/86 gelingen, die politische Grundströmung der Republik zu verändern. Dabei zeigt das Beispiel der deutschen Grünen, wie man als Juniorpartner in einer Gegenströmung in Schwierigkeiten geraten kann.

DER STANDARD: Was haben die deutschen Grünen falsch gemacht?

Pilz: Sie haben eben nicht zuerst die Grundströmung verändert, dann Wahlen gewonnen und eine Reformregierung mitbegründet, sondern sind lediglich mit ihren Vorstellungen in eine Regierung gegangen. Dabei hat eine wichtige Voraussetzung gefehlt.

DER STANDARD: Und die wäre?

Pilz: Die Grundorientierung der Republik zu verändern. Der Erfolg der FPÖ war doch darin begründet, dass sie sich jahrelang auf die Findung von Grundmehrheiten beschränkt hat - für eine autoritäre Wende, gegen Minderheiten, gegen Europa. Da waren sie erfolgreich, ob uns das passt oder nicht. Aber das geht zu Ende, und die Chance auf eine grüne Wende wächst.

DER STANDARD: Mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten?

Pilz: Rechtsstaat, Demokratie, Bürgerrechte, Medienfreiheit. Wir brauchen eine Entfilzung des Landes, wobei ich nicht nur den neuen schwarz-blauen, sondern auch den alten roten Filz meine. Es muss investiert statt verschwendet werden, die überflüssige Beschaffung von Abfangjägern versteht niemand. Und selbstverständlich muss endlich die Rückkehr nach Europa in Angriff genommen werden.

DER STANDARD: Die Umwelt ist kein grünes Thema mehr?

Pilz: Umwelt bleibt ein grünes Schlüsselthema, das uns niemand wegnimmt, wie Umfragen beweisen. Auch haben wir, Beispiel ökologische Steuerrefom, hier die wohl modernsten Lösungsansätze aller politischen Mitbewerber.

DER STANDARD: Das grüne Führungspersonal passt zum Programm?

Pilz: Wir haben für jeden Schwerpunkt die geeigneten Leute. Die heutige Personalentscheidung läuft auf die Stärkung von Eva Glawischnig auf Bundesebene und die Stärkung der Herausforderung hinaus, die Madeleine Petrovic für Landeshauptmann Erwin Pröll in Niederösterreich bedeutet. Beides ist klug und zu begrüßen.

DER STANDARD: Abseits davon wird aber bereits über die Nachfolge von Bundessprecher Van der Bellen gesprochen.

Pilz: Das ist etwas seltsam und völlig überflüssig. In unseren Klausuren wurde das kein einziges Mal debattiert. Ich habe nicht den Eindruck, dass das jemand wirklich will. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 15.3.2002)

Das Gespräch führte Samo Kobenter.
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