Systemfehler im Bildungswesen

14. März 2002, 19:57
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Von Martina Salomon

Im Schatten der Universitätsreform verstecken sich derzeit alle anderen Probleme des Bildungswesens. In der Schule alles paletti, oder was? Wahr ist leider: Besonders die AHS hat höchsten Reformbedarf. Sie ist im städtischen Bereich zweifellos zur Gesamtschule geworden. In Wien suchen gerade Hunderte Eltern für nächstes Unterrichtsjahr noch verzweifelt einen Gymnasiumsplatz für ihr Volksschulkind, weil es speziell in Neubaugebieten wie dem 22. Bezirk schwere Versäumnisse im Schulbau gibt. Einige überlaufene Schulen wehren sich gegen den Ansturm, indem sie nur noch Kinder mit lauter Einsern aufnehmen - angesichts fehlender Qualitätsstandards im heimischen Schulwesen ein problematisches Unterfangen.

Weil nun alle ins Gymnasium drängen, hat es deutlich an Prestige verloren. Das wird spätestens in der Oberstufe sichtbar, wenn alle wieder hinausdrängen. Die Folge: Tausende BHS-Schüler sitzen in überfüllten Klassen mit bis zu 36 Jugendlichen. Wer die Aufnahmsprüfung nicht schafft, "muss" in der AHS bleiben, die in der Oberstufe bereits um Schüler kämpft. Genau diese Oberstufe wird jetzt reformiert. Es steht jedoch zu befürchten, dass keine großen Schritte gesetzt werden, weil ja nicht einmal die Opposition schulpolitisch starke Akzente setzt. Diskutiert wird ein Kurssystem in den letzten beiden Klassen. Doch das kostet, wird von Lehrervertretern nicht goutiert, und da bleibt man lieber gleich beim pädagogischen Modell der Fünfzigerjahre. Eigenständiges Denken, Ausdrucks-und Studierfähigkeit? Das (bei guten Pädagogen) zu lernen ist Glückssache, aber keineswegs systemimmanent.

In Deutschland hat das schlechte Abschneiden in der letzten OECD-Studie eine breite Schuldebatte ausgelöst. Müssen wir dazu auch erst ein vernichtendes Testergebnis abwarten? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

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