Mit dem Frachtschiff durch Wien

16. März 2002, 11:56
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Die sechzehnte der Unglaubwürdigen Reisen

Reisen mit dem Frachtschiff von Hugo Verlomme (aktualisierte Neuauflage Umschau/Braus Verlag 2000): eine Buchempfehlung für Menschen, die festsitzen. Oder die lieber nur in Wien reisen.

Hugo Verlommes erstaunliche Details und seine freundliche Naivität, die vielen absurden Details ("Die Signalflaggen: 1.) Taucher bei der Arbeit. Abstand halten.") bringen auch ungeübte Passagiere in Fahrt: "Je mehr Passagiere an Bord sind, desto größer ist die Chance, dass Alkohol serviert wird." Das trägt wohl weiter als jede Marineakademie und deren üblicher Drill. Oder: "Was soll man zu Seekrankheit sagen? Sie kann einen wenig, entsetzlich oder gar nicht befallen."

Phänomene der Seemannsexistenz könnten der eigenen unseemännischen Existenz zur Hilfe kommen. Und bald kann man sich bei diesem Buch zu denen zählen, die man auf Frachtschiffen ernst nimmt.

Zum Beispiel die Mitglieder des empfohlenen "Club Ulysse der kleinen Inseln der Welt". Da kann jeder sich selbst als kleine Insel fühlen, die für das Risiko und das Glück der Seefahrt auch am gottverlassenen Ufer des Donaukanals zuständig ist. Er käme auf neue Querverbindungen wie die der abenteuerlustigen Buchhändlerin Cathrin Domain, die nach zwei Atlantiküberquerungen, einer kurzen Brasilienreise und einer Küstenfahrt um Grönland auf die Idee kam, Buchhandel und Frachtschifffahrt zu kombinieren. An einem stillen Abend, in ihrer Badewanne im siebten Arrondissement.

Seither verkauft sie Bücher auf Frachtschiffen. "Sie können hier nicht alles selber finden", erfährt man ebenfalls, falls es nicht regnet und die Frachtschiffbücherei "Librairie Ulysse" deshalb konsequent "bei Regen geschlossen" hält: "Aber Sie können Beziehungen mit der Buchhändlerin aufnehmen, die wie Sie ihre Launen hat."

Auch Reisen haben ihre Launen, ihre Inspiration, Nostalgie und Einsamkeit. Und ihre Ausgangsorte, die Provinz, den Süden Frankreichs, Belgien oder die Meerenge der britischen Inseln. Wer wie Cathrin Domain Nomadengeist, Lust an Ozeanographie oder am Stöbern in Antiquariaten hat, kann sich zu ihren imaginären Kunden zählen, zu den Passagieren an die Ostküste Südamerikas oder in die viel exotischeren Bezirke Wiens.

W>er Wien als Anlauf-oder Auslaufhafen sieht, sucht in Reisen mit dem Frachtschiff nach der Auffindbarkeit und der Qualität der Hafenbehörden. Oder nach den Lotsenbüros. Wer das wissen will, erfährt es am ehesten nach einem leichten Sturz auf der Straße, von dem aufgeregten Menschenknäuel und der windigen Stille, sobald der Knäuel sich auflöst. Wenn er Glück hat, landet er bei Professor Poigenfürst im Unfallkrankenhaus. Der bringt die Knochenbrüche in Ordnung und macht Mut zu neuen Träumen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

Die nächste "Unglaubwürdige Reise" wird nächsten Freitag angetreten.
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