Leichtigkeit vergeblich gesucht

14. März 2002, 18:42
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Ian Bostridge im Wiener Musikverein

Wien - In einem sanften Bogen wölbte sich das braune Haar über die hohe Stirn, schimmernd, glänzend, verdeckte kurz die blauen Augen. Hochgeschossen die Gestalt, mitleiderregend dünn fast, bleich die Haut, fragil die Hände: Wäre Ian Bostridge Schauspieler, man stellte ihn sich augenblicklich an der Seite Hugh Grants vor, in einer pittoresken melancholischen Komödie von James Ivory, Turn of the Century.

Ian wäre Hughs kleiner Bruder, der in Oxford Philosophie und Geschichte studiert, viel zu viel Proust liest und gerade furchtbar unglücklich ist, weil seine Angebetete, mit der er über wild wogende Weizenfelder flaniert war, nun plötzlich einem reichen Cousin aus London versprochen wurde. Es gäbe dann eine Szene in dem Film, in welcher der musikvernarrte Ian im Stadthaus seiner Eltern ein paar Schubert-Lieder vorträgt, in kleiner Gesellschaft, und eine nette alte Dame würde ihrer Sitznachbarin zuflüstern: "He's so gifted!" Worauf diese zurückhauchen würde: "And charming, too!"

Nun hat Ian Bostridge tatsächlich in Oxford Philosophie und Geschichte studiert, promoviert und drei Jahre lang an einer Studie über den Hexenglauben gearbeitet. Schauspieler ist Bostridge aber nicht geworden, sondern Sänger, und auf diesem Gebiet grenzt es an Hexerei, dass der 37-Jährige sein Publikum weltweit zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Seine Stimme kann nicht der Grund dafür sein: Hohl und spröde klingt sein Tenor zumeist, fahl, und erweist sich auch in Sachen Klangfärbung und Tonumfang als limitiert.

Nie schwebt seine Stimme frei, immer wird sie mit großer Anstrengung geführt, gehalten. Ja, Bostridge bewies bei den ausgewählten Schubert-Liedern - korrekt und einfühlsam begleitet von Julius Drake - ein außerordentliches Maß an Textdeutlichkeit; ja, Bostridge mühte sich auch, den Text mit großer Intensität zu durchleben. Dies wäre aber auch schon die einzige Erklärung für die Euphorie: Dass dieses unbedingte Wollen, mit seinem beschränkten Material das Äußerste zu erreichen, die Zuhörer mehr in den Bann zog, als dass sie die zahlreichen Mängel in Bostridges Gesang störten.
(end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

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