Großer alter Mann der neuen Traditionen

14. März 2002, 17:50
2 Postings

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer ("Wahrheit und Methode") starb im Alter von 102 Jahren in Heidelberg

Foto: APA/dpa/ Mathias Ernert
Seine Deutungskunst war epochal: Zuletzt wurde Hans-Georg Gadamer, der jetzt 102-jährig verstarb, selbst noch einmal neu gedeutet - von einer Gesellschaft, die suchte, was Gadamer scheinbar anbot: Halt in der Tradition.

Von Richard Reichensperger


Heidelberg - "Die Weltgeschichte ist das große dunkle Buch, das in den Sprachen der Vergangenheit verfasste Sammelwerk des menschlichen Geistes, dessen Text verstanden werden soll." - Das steht im Abschnitt "Wahrheit in den Geisteswissenschaften" in jenem Werk, mit dem der 1900 in Marburg geborene Hans-Georg Gadamer 1960 weltberühmt wurde: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Das Buch wurde für Geschichtswissenschaft, für Literaturwissenschaft, für Theologie zentral, obwohl es (weil Gadamer auf das - neue, umschreibende - Verständnis von "Tradition" aufbaute) lange als "konservativ" galt.

Aber: So "traditionell" war Gadamer nicht: Seine Lieblingsautoren waren solche der klassischen Moderne (Beckett, Rilke, Celan). Und, obgleich selbst bürgerlich in einem (naturwissenschaftlichen!) Professorenhaushalt geprägt und sicher nicht marxistisch orientiert, so war es doch Gadamer, der dem in Frankfurt von Adorno abgelehnten Jürgen Habermas in Heidelberg eine erste Professur verschaffte.

Die Hauptbegriffe: Hermeneutik, verstanden als Lehre vom geschichtlichen und künstlerischen Verstehen einer Wahrheit, die in den Naturwissenschaften, streng beschränkt auf "Methode", für Gadamer nicht sichtbar werden kann, diese Hauptbegriffe wurden zu Schlagwörtern im Verteidigungskrieg der Geisteswissenschaften. Und weil dieser Verteidigungskrieg immer noch geführt wird, wurde auch Hans-Georg Gadamer bis in sein höchstes Alter hinein in Kämpfe zwischen "links" und "rechts" verwickelt:

Wann schon hat man das Glück, dass ein Hundertjähriger noch Interviews geben kann und dabei, wie Gadamer im letzten Februar in der Süddeutschen, gegen die Globalisierung einwendet, dass diese übersähe, dass immer neue Grenzen entstünden. Und zwar nicht nur konstruierte, "dumme", sondern immer schon existenziell begründete: Tod, Leiden, Krankheit. Davon freilich wolle eine positivistische "Informationsgesellschaft" und reduzierte Bildungspolitik nichts wissen: "Worüber ich informiert bin, das brauche ich nicht zu begreifen. Diese technikgläubige Bildungspolitik bereitet einen neuen Sklavenstand vor."

Verstehen und Begreifen: Das sind, so führt Wahrheit und Methode nicht nur philosophiegeschichtlich (von Luthers Schriftprinzip über Kant zu Dilthey), sondern im dritten Abschnitt auch sprachphilosophisch aus, fortgesetzte, immer korrigierbare und im Dialog mit Texten und Traditionen wie mit Menschen zu entwerfende Prozesse: Verstehen ist nicht auf "Fakten" festmachbar, sondern ein dauerndes Aufeinanderzugehen.

Damit steht Gadamer auch am Kreuzungspunkt der Philosophien des 20. Jahrhunderts: Studiert hatte er in Marburg beim Neukantianer Paul Natorp, habilitiert aber 1929 in der in nicht nur geografisch entgegengesetzten Richtung, bei Martin Heidegger in Freiburg. Der Existenzphilosophie gab er aber die Geschichte zurück, dem Neukantianismus die Hinwendung zur konkreten Lebenswelt (im Verständnis der Phänomenologie des Alfred Schütz). Und gleich noch eine dritte Richtung wollte er, wenn auch erst mit 60, in den Orkus schicken: die analytische Sprachphilosophie des angloamerikanischen Raums (W.V. Quine, Hillary Putnam, Ronald Davidson) - nein, mit Wissenschaftstheorie allein könne er nicht glücklich werden. (Ausgerechnet deren entfernter Schüler Richard Rorty aber ebnete in einem großen Text zu Gadamers 100. Geburtstag diese Differenzen wieder ein).

Hans-Georg Gadamer war, vielleicht als Letzter, glücklich: Im Deuten von (schwierigen) Gedichten, im Glauben an den Wahrheitsgehalt von Kunst, die für ihn freilich "Hochkultur" war. Deren Zeit ist vielleicht vorbei. Nicht aber der Auftrag, die Deutung von Welt und Geschichte als Gespräch zu entwickeln und nicht Diktaten zu überlassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

Share if you care.