"Palast der Liebe" zum Jubiläum

15. März 2002, 13:13
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Die Berliner "Bar jeder Vernunft" wird zehn Jahre alt - Cora Frost und ihr Ensemble werden es befeiern

Berlin - Seit 1992 steht auf dem Parkdeck der ehemaligen Freien Volksbühne in Berlin ein Spiegelzelt in Jugendstil: die "Bar jeder Vernunft". Eine Spielstätte zwischen den herkömmlichen Genres der Bühnenkunst wollten die beiden Initiatoren, Holger Klotzbach und Lutz Deisinger, ins Leben rufen - und schlitterte lange an der Pleite vorbei.

Recht bald sei die "Bar jeder Vernunft" bei den Berlinern zum Geheimtipp avanciert, erzählt Klotzbach. "Hier erlebt man nicht nur die Künstler, sondern auch das Publikum sehr hautnah, inklusive Essen und Trinken und Rauchen." Neuerdings allerdings sei der Mittwoch zum Nichtraucherabend erklärt worden.

"Treibhaus"

Als "Treibhaus", in dessen Klima nicht nur Comedy und Satire, Variete, Chanson und Theater nebeneinander und miteinander gedeihen, verstehen die "Macher" ihr Zelt. Hier soll auch das "Unterhaltungskultur-Erbe, dem mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ein abruptes Ende gesetzt wurde", fortgesetzt werden. 1994 brachten sie als eine der ersten Eigenproduktionen die Operette "Im weißen Rößl am Wolfgangsee" der jüdischen Autoren Blumenthal und Kadelberg auf ihre Bühne.

"Auf der Rampe zum Parkdeck standen die Leute schon früh morgens, mit Decken, Thermoskanne und Hockern, um eine Eintrittskarte zu ergattern", erinnert sich Klotzbach. "Das hat selbst alten Hasen wie Otto Sander die Tränen in die Augen getrieben." Die Inszenierung unter der Regie von Ursli Pfister alias Christoph Marti und Schaubühnen-Star Walter Schmidinger, mit Max Raabe, Meret Becker und Gerd Wameling habe der Herz-Schmerz-Operette zur Renaissance verholfen: Mehr als 30 deutsche Bühnen hätten sie seither wieder in ihr Repertoire genommen, berichtet Klotzbach.

"Palast der Liebe"

Die Besetzungslisten der Produktionen, die die "Bar jeder Vernunft" in den vergangenen zehn Jahren präsentiert hat, lesen sich wie ein Who is Who der Unterhaltungskunst: Da sind die Comedian-Harmonist-Epigonen Hudson Shad, die Chansonette Georgette Dee, die Kabarettisten Jockel Tschiersch und die "Denglisch" sprechende Amerikanerin Gayle Tufts. Auch die drei großen Berliner Damen der Kleinkunst, Brigitte Mira, Evelyn Künneke und Helen Vita, traten hier in ihren Federboas als "Drei alte Schachteln in der Bar" erstmals als Dreigestirn auf.

Zum runden Geburtstag wollen Cora Frost und ihr Ensemble ihr Programm "Palast der Liebe" uraufführen, eine "erotische Animation in der bürgerlichen Zwischenwelt von Milieu und Etablissement", wie Frost erklärt. Christoph Marti und Johannes Steinbrückner produzieren die Gesellschaftskomödie "Therapie zwecklos", und der Eichborn-Verlag will rechtzeitig zum Jubeltag am 5. Juni einen Foto-Text-Band über die Bar herausbringen. Mit "Tipi, dem Zelt", werde es außerdem ab Anfang Juni für neun Monate eine weitere, größere Spielstätte im Tiergarten neben dem Kanzleramt geben.

Zur Vorfreude

Mindestens zwei der KünstlerInnen aus dem Umfeld der "Bar jeder Vernunft" werden auch auf der diesjährigen Ausgabe des Festivals "Wien ist andersrum", das wieder im Juni stattfindet, vertreten sein: Georgette Dee, seit Jahren treue Stammgästin in Wien, und erstmals auch der zweisprachige Wonneproppen Gayle Tufts mit ihrer ureigenen, stimmgewaltigen und sehr humorigen, Version des "Culture Clash". (APA/dpa)

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