Fluchtachterl

19. März 2002, 21:17
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+ + + PRO

Daniel Glattauer

Irgendwann endet die Phase, in der wir spüren, dass es Zeit wäre, nach Hause zu gehen. Und es beginnt die Phase, in der wir merken, dass es Zeit gewesen wäre, nach Hause zu gehen.

Was die Müdigkeit betrifft, so unterscheiden wir jene, die in den Schlaf übergeht, von jener, die im Schlaf untergeht, von jener, die ohne Schlaf vorbeigeht. Und dann gibt es noch die vierte, jene, die im Wachsein erstarrt. An ihr halten wir (uns) fest. Doch es hilft nichts. Wir können nicht länger bleiben, denn wir müssen am nächsten Tag aufstehen. Allerdings müssen wir am nächsten Tag immer aufstehen, manchmal sogar am selben Tag. Manchmal wagen wir gar nicht, uns hinzulegen, so bald müssen wir wieder aufstehen. Und manchmal sollten wir schon aufgestanden sein, bevor wir uns hinlegen.

Was den Wein betrifft, hätten wir natürlich weniger trinken können. Wir hätten auch gar nichts trinken können. (Aber kann das der Sinn des Lebens sein?) Wir hätten langsamer trinken können. Wir hätten später anfangen und früher aufhören können. Wir hätten Pausen einlegen können, und zwischen den Pausen weitere Pausen, und so weiter. Jedenfalls haben wir längst bezahlt. Die Uhr funkelt uns an. Der Gesprächsstoff hat sich entmaterialisiert. Alle Hände sind geschüttelt, alle Wangen sind befeuchtet.

Jetzt ist es wirklich so weit. Beinahe. Denn: Eines ist immer noch gegangen. Ein allerletztes. Ein allerschönstes. Ein allerbestes. Ohne dieses eine gehen wir nicht nach Hause. Ohne dieses eine wären wir gar nicht gekommen.

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- - - CONTRA

Thomas Rottenberg

"Die Bibel? Wieso die Bibel? Gib einfach zu, dass du keine Chance hast. Nicht in dieser Welt. Jedenfalls nicht in diesem Land. Von wegen: ,Dein Wort soll sein: Ja ja, nein nein.'" Die Kollegen zuckten mit den Schultern: Es ist doch Österreich. Und da steht man nicht einfach zu dem, was man tut - man entschuldigt. Es. (Das Tun.) Rechtfertigt. Wieder Es, nicht sich: Österreich ist das Land der gelebten Ausrede. Des Lavierens. Des Herumerklärens. Denn schuld sind die anderen. Prinzipiell. Immer. Das Wetter. Die Umstände. Die Tageszeit. Das Ausland. (Das ganz besonders). Kurz: Es. Hierzulande widerfährt - danach wird erklärt. Relativiert. Entschuldigt. (Ein bisserl, weil die Verantwortung eh anderswo liegt.) Man ist Opfer - nie Täter. Ein roter Faden, der sich von der Geschichte bis an die Theke zieht. Bis zum Fluchtachterl, einer geradezu urösterreichischen Einrichtung. Einem Sinnbild des Nicht-dazu-Stehens. Dazu, weiter trinken zu wollen.

Das Fluchtachterl ist wie Österreich: eine von den ganz schlechten Ausreden. Eine von denen, die man sich nicht einmal selbst glaubt. Weil das Achterl weder Achterl noch eines ist. Weil man vorher weiß, dass die Flucht misslingt: Schöntrinken hält grad bis zum Morgen. Egal, ob es um den Menschen, neben dem man einschläft, oder die Welt, in der man aufwacht, geht. Ob das schlimm ist? Mitnichten. Es ist doch in Österreich. Und da liegt wieder die passende Ausrede bereit: "Schuld war nur der Wein." Und sonst niemand.

Der Standard/rondo/15/03/02

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