Ich öffne die Tür ...

15. März 2002, 23:50
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Ich öffne die Türe zur Künstlergarderobe. Der Popliterat sieht mich entgeistert an. Er steht mit Zetteln und Büchern in der Hand da. Er will jetzt kein Interview geben. Im Hintergrund türmen sich Obstschalen. Überall Obst.

Er muss noch die Dias für das Literaturhappening sortieren. Die Lesung soll MTV-Charakter haben. Schnelle Bilder, verzerrte Optik. Musik, laut. Die langen Arme des Popliteraten fliegen fahrig durch die Luft. Im Kommando-Ton schleudert er mir seine Hand und seinen Namen entgegen: "Von Stuckrad-Barre!" Wenn er gleich die Hacken zusammenschlüge und salutierte, würde ich mich nicht wundern. Er trägt Anzug und offenen Hemdkragen wie eine Uniform. Spielerisch ist da nichts. Wenn er später den fahrigen Komiker geben wird, so wird er jede Zufälligkeit vorher hier in der Künstlergarderobe einstudiert haben.

Auch bei der Verpflegung überlässt der Popliterat nichts dem Zufall. "Rohkost" hat der Auftrag an das Catering gelautet, und "An geraden Tagen Mozzarella, an ungeraden Tagen Antipasti". Das flüstern die Mädchen vom Betreuungsservice draußen, vor der geschlossenen Türe. Der Dichter darf jetzt nicht durch ein lautes Wort aus dem Konzept, das er noch nicht hat, gebracht werden. Das sagt auch der Tourmanager, dem es Leid tut, dass der Popliterat heute so schlecht drauf ist. Sonst ist er immer so nett, der Benjamin. Jetzt ist er bedient. Hexenschuss. Halsweh. Trotz Joggings an fünfundzwanzig Morgen in fünfundzwanzig Städten seiner Lesereise durch die deutschen Lande.

Später wird der Popliterat auf der Bühne sitzen und lange, länger als nötig, an den Mikrofonen herumnesteln. Er wird eine Journalistin in der ersten Reihe sehen und sie als "die Frau mit der neuen Zahnspange" wiedererkennen. Alle werden lachen. Er wird Texte aus seiner neuen Feuilletonsammlung vorlesen und mit langen Armen ausladende Bewegungen in Richtung Videowand machen. Das Buch liegt am Büchertisch auf. Deutsches Theater.

derStandard/rondo/2/3/03

Von
Clarissa Stadler
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