HIV-Übertragung durch Fliegen?

16. März 2002, 22:00
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Deutsche Forscher liefern neue These, wie das Virus vom Affen auf den Menschen kam - Skepsis unter Fachkollegen

Wien - Das ursprünglich nur bei Affen vorkommende HI-Virus könnte doch über Fliegen auf den Menschen übertragen worden sein. Das erklären Gerhard Brandner (Universität Freiburg), Werner Kloft (Universität Bonn) und Manfred Eigen (Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen) laut der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "New Scientist". Das HI-Virus verursacht beim Menschen Aids.

Dass HIV eine mutierte Form eines ähnlichen Virus bei Affen darstellt, wird unter anderem durch genetische Untersuchungen untermauert. Bisher gingen viele Wissenschafter davon aus, dass die Übertragung durch direkten Blutkontakt - etwa eines Jägers mit Affen - passiert sein könnte. Eine Übertragung via Fliegen und Stechmücken wurde bisher unter anderem deshalb ausgeschlossen, weil die meisten Blutsauer eigene Kanäle für injizierten Speichel einerseits und abgezapftes Blut andererseits haben.

Stomoxys calcitrans

Nicht so bei Stomoxys calcitrans - auch Stallfliege oder Wadenstecher genannt. Diese Verwandten der Stubenfliege kommen praktisch weltweit vor, sie ähneln der Stubenfliege auch, sind etwas kleiner und die Flügel stehen in Ruhestellung stärker vom Körper ab. Den Hauptunterschied merkt man aber, wenn der Wadenstecher - nomen est omen - seinen Stechrüssel ausfährt und kräftig zubeißt, um sich eine Mahlzeit aus Säugetierblut zu verschaffen.

Dazu wird mittels Rüssel zuerst eine winzige Wunde gesägt und dann das austretende Blut aufgeleckt. Bei jeder neuerlichen Mahlzeit erbrechen die Fliegen unverdautes Blut eines Vorgängeropfers in die frische Wunde und können so allerlei Krankheiten unter anderem auch das HIV von Affen auf Menschen übertragen. Besonders gefährdete könnten Menschen auf afrikanischen Märkten sein, auf denen frisch getötete Affen verkauft werden. Die Körper seien meist bedeckt mit Wadenstechern.

Virennachweis

Schon 1992 konnten Brandner und sein Kollege Werner Kloft nachweisen, dass Aidsviren im erbrochenen Blut dieser Fliegen überleben. Denn anders als andere Blut saugende Insekten, verdaut der Wadenstecher das erbeutete Blut nicht komplett. "Der vordere Teil des Mitteldarms, wo das Blut bis zum Wiedererbrechen gelagert wird, ist frei von Enzymen", berichtet Brandner. In Afrika würden Affen traditionell gejagt und auf Fleischmärkten unter freiem Himmel verkauft. Dort wimmele es nur so von Fliegen. Wenn nun Wadenstecher das Blut von infizierten Affen tränken, könnten sie es übertragen, wenn sie beim nächsten Mal Menschen stächen, folgern die Forscher.

Skepsis unter Fachkollegen

Prof. David Mabey von der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin sagte: "Das ist eine interessante These, aber nicht mehr. Das Problem mit solchen Geschichten ist, dass sie die Aufmerksamkeit von der zentralen Botschaft ablenken, und die lautet, dass 90 Prozent aller Infektionen durch Sex oder von Müttern auf ihre Kinder übertragen werden. Die Botschaft ist also, sich beim Geschlechtsverkehr zu schützen statt sich Sorgen darüber zu machen, dass man von Fliegen gebissen werden könnte."

Beatrice Hahn von der Universität von Alabama in den USA, die 1999 als Erste über Aids-ähnliche Infektionen bei Schimpansen berichtet hatte, sagte, ohne weitere Beweise solle die deutsche These nicht ernst genommen werden. "Es gibt keinen Mangel an Hypothesen dazu, wie das Virus den Sprung zum Menschen geschafft hat, und das hier ist eine neue." (APA)

Die von anderen Forschern mit Skepsis betrachtete Theorie stellen das britische Magazin "New Scientist" (Nr. 2334, S. 18) und das deutsche Fachblatt "Naturwissenschaften" in ihren kommenden Ausgaben vor.

Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie
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