HIV-Übertragung durch Fliegenbiss?

14. März 2002, 12:45
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Neue Theorie deutscher ForscherInnen geht von Ansteckung durch die Wadenstecher-Fliege aus

London/Göttingen - Deutschen ForscherInnen zufolge hat möglicherweise die Wadenstecher-Fliege die weltweite Verbreitung des Aids-Virus vom Affen auf den Menschen ausgelöst. Das Team um Gerhard Brandner vom Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen entwickelte diese These, weil die so genannten Wadenstecher (Stomoxys calcitrans) ein für Fliegen ungewöhnliches Blutsaugverhalten haben.

Während sie Blut trinken, kratzen sie die Haut ihres Wirtes zu einer Wunde auf, und sie erbrechen ein Teil dieses - möglicherweise infizierten - und nicht gut verdauten Blutes dann wieder, wenn sie das nächste Mal Nahrung "tanken".

Die von anderen ForscherInnen mit Skepsis betrachtete Theorie stellen das britische Magazin "New Scientist" (Nr. 2334, S. 18) und das deutsche Fachblatt "Naturwissenschaften" in ihren kommenden Ausgaben vor.

Aidsviren überleben im erbrochenen Blut

Schon 1992 konnten Brandner und sein Kollege Werner Kloft nachweisen, dass Aidsviren im erbrochenen Blut dieser Fliegen überleben. Denn anders als andere Blut saugende Insekten, verdaut der Wadenstecher das erbeutete Blut nicht komplett. "Der vordere Teil des Mitteldarms, wo das Blut bis zum Wiedererbrechen gelagert wird, ist frei von Enzymen", berichtet Brandner. In Afrika würden Affen traditionell gejagt und auf Fleischmärkten unter freiem Himmel verkauft. Dort wimmele es nur so von Fliegen. Wenn nun Wadenstecher das Blut von infizierten Affen tränken, könnten sie es übertragen, wenn sie beim nächsten Mal Menschen stächen, folgern die Forscher.

Ablenkungsmanöver

Prof. David Mabey von der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin sagte: "Das ist eine interessante These, aber nicht mehr. Das Problem mit solchen Geschichten ist, dass sie die Aufmerksamkeit von der zentralen Botschaft ablenken, und die lautet, dass 90 Prozent aller Infektionen durch Sex oder von Müttern auf ihre Kinder übertragen werden. Die Botschaft ist also, sich beim Geschlechtsverkehr zu schützen statt sich Sorgen darüber zu machen, dass man von Fliegen gebissen werden könnte."

Beatrice Hahn von der Universität von Alabama in den USA, die 1999 als Erste über Aids-ähnliche Infektionen bei Schimpansen berichtet hatte, sagte, ohne weitere Beweise solle die deutsche These nicht ernst genommen werden. "Es gibt keinen Mangel an Hypothesen dazu, wie das Virus den Sprung zum Menschen geschafft hat, und das hier ist eine neue." (APA/dpa)

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