Der Katalysator

8. März 2002, 21:32
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Er gilt als Erfinder des "Grün"-Begriffs, ist bekennender Nichtwähler und Exdealer und unzeitgemäß, weil seiner Zeit meist voraus: Werner Pieper

Werner Pieper führt einen der ungewöhnlichsten Verlage im deutschsprachigen Raum: Er macht keine Verträge und kaum Werbung. Er verlegt am liebsten, was ihn selbst interessiert und worüber er nicht genug weiß. Es ist ihm klar, dass sich manche Bücher nicht verkaufen, doch er hält sie jahrelang im Lager, weil sich noch Kunden finden könnten. Er bezahlt seine Autoren gerne (was diese bestätigen können). Kurz, seine Geschäftsprinzipien versprechen den sicheren Untergang.

Stattdessen bringt er es nicht nur gelegentlich zu großen Auflagen, er schafft es auch, mit den kleinen gut zu leben und sein Ziel zu erreichen: ein kleiner, aber unverhältnismäßig weit ausstrahlender Verlag zu bleiben. Der Ein-Mann-Betrieb "Werner Pieper & The Grüne Kraft MedienXperimente" macht seit 30 Jahren offensichtlich etwas richtig.

Vielleicht ist es die Fähigkeit des Chefs, Themen in der Luft zu spüren, die andere erst viel später wahrnehmen - das befähigt ihn dann zu Würfen wie den ersten Naturkostbüchern und Umweltschutzpamphleten in Deutschland oder großen Drogenfibeln, lange bevor sich sonst ein Publizist an solche Themen wagte.

Doch die Nase allein macht es nicht. Bei Werner Pieper kommt der starke Wille dazu, seinen eigenen Weg zu gehen und dazu zu stehen, auch wenn er nicht modisch ist. Ansonsten hätte es ihn wohl in eine Buchmetropole, zu einem Medienmulti verschlagen. So aber wohnt und arbeitet er seit Jahrzehnten in der ehemaligen Schmiede eines kleinen Dorfes im Odenwald.

Löhrbach liegt inmitten von Wäldern und Hügeln. Doch steigt man auf einen dieser Hügel, sieht man TV-Türme und Relais-Antennen am Horizont und die zersiedelte Industrielandschaft der Rheinebene zwischen Mannheim und Darmstadt. "Willkommen in der Idylle", sagt der Gastgeber nicht ohne Ironie. Hier hat er, was er braucht: Ruhe, einen Garten, nur wenige Kilometer zu einem zweiten Büro unten in Weilheim, eine kurze Zugfahrt zum Frankfurter Flughafen, wenn er weit weg will, und eine noch kürzere nach Heidelberg, wo er frühe Wurzeln geschlagen hat. Eigentlich kommt der 1947 geborene Werner Pieper aus dem Sauerland. Doch nach einer Kochlehre und dem Ersatzdienst blieb er in der Universitätsstadt am Neckar hängen. Hotelkoch wollte er nicht werden, der Sozialdienst interessierte ihn schon eher, tatsächlich aber wurde er Haschischhändler, "aus demselben Grund: weil ich mit Menschen zu tun haben wollte". (Zufall war es wohl nicht - Jahre später ging er den untergründigen Beziehungen zwischen Heidelberg und Drogen nach und stellte fest, dass hier unter anderem der erste Weingarten in Deutschland lag, seit dem 16. Jahrhundert Tabak und Hanf angepflanzt wurden, Nikotin entdeckt und in der Zwischenkriegszeit an der Uni mit Haschisch und Meskalin experimentiert wurde - das alles und noch viel mehr nachzulesen in Piepers Buch Highdelberg . . .)

Werner Pieper war ein ungewöhnlicher Dealer. Weder, sagt er, wollte er reich werden, noch verleugnet er seine Vergangenheit - anders als viele seiner guten Kunden, die, als Professoren, Politiker o.Ä., ihn heute lieber nicht mehr kennen. Hatte er 1000 Mark beisammen, machte er Pause auf einer Insel, als Schäfer oder in London - alles Erfahrungen, die in irgendeiner Form in seine Publikationen eingeflossen sind. Und er hatte seine Geschäftsprinzipien, damals schon: "Ich habe einmal LSD nicht an jemanden verkauft, der es zum Pink-Floyd-Hören haben wollte. Das war gemein."

1971 gründete er, als Aktion für Dealer im Gefängnis, die "Grüne Hilfe" und gab einen ersten "Grünen Zweig" heraus, den Grundstein für seinen Verlag. Damit wurde er sozusagen zum Stammvater des Grün-Begriffs, "auch wenn das ein Missverständnis war: Gemeint war eher der grüne Afghane." Egal, um seine Initiative rankte sich bald ein alternatives Netzwerk an Magazinen (Kompost, später Humus - Vorfahren der Stadtmagazine) und Kulturinitiativen: ohne offiziellen Sanctus, dafür mit umso mehr Spaß an den Möglichkeiten. Nachdem er mit dem illegalen Kleinhandel nach sieben Jahren Schluss gemacht hatte, kanalisierte er seine soziale Neugierde, sein Interesse an alternativen Lebensräumen und -entwürfen, an Sex, Drogen und nicht nur Rock 'n' Roll, sondern jeder Art von Musik in immer mehr Bücher der Reihe "Grüner Zweig" (bzw. "Rauschkunde", eine stets spannende Zusatzreihe des Verlags). Sie sprossen als Resultat von Freundschaften mit Indianern, die auf Besuch kamen, mit der grauen LSD-Eminenz Albert Hofmann von Sandoz, dem Harvard-Dropout Timothy Leary "dearie", dem ebenfalls verstorbenen legendären Ethnopharmakologen Terence McKenna, seinem deutschen Kollegen Christian Rätsch oder dem begnadeten Feuilletonisten Micky Remann. Sie trieben aus nach Aufenthalten in England oder beim Jazzfestival in New Orleans. Sie blühten, wenn ein Autor mit ungewöhnlichen Ideen nach Löhrbach kam - oder wenn Pieper selbst eine Idee hatte, für die sich eh kein anderer Verlag gefunden hätte.

So entstand etwa das Scheißbuch, ein 250 Seiten dickes, so kurzweiliges wie seriöses Kompendium über die "Entstehung, Nutzung, Entsorgung menschlicher Fäkalien". Es verkaufte sich fast 50.000-mal. Auf über 120.000 Stück Auflage brachte es das Definitive Deutsche Hanf-Handbuch (Neuedition als Grüner Zweig 173, gedruckt natürlich auf Hanfpapier), mittlerweile ein einschlägiger Klassiker. Auch Reader übers Jonglieren, über Ernährung & Bewusstsein und über psychoaktive Pflanzen sowie die Hacker-Bibel waren ein Verkaufserfolg. Aber nicht Die Deutsche Kakerlake von Karl Kockrotsch, obwohl ebenfalls ein solides Sachbuch. Aber immerhin: "Hey, zum ersten Mal konnte ich für die Mehrheit sprechen!"

Nebenbei verfasste und verlegte er "Heimatbücher" wie das erwähnte Highdelberg oder eine Monografie über den Roten Turm von Weinheim, was ihm Respekt sogar bei den Lokalblättern und der Eiscafé-Wirtin eintrug. Maximum Respekt brachten ihm die AutorInnen des 200. Jubiläums-Zweiges entgegen, sie feierten ihren Verleger mit diesem Titel als eine der wenigen großen Konstanten in der wankelmütigen deutschen Gegenkultur. Als ob das nicht schon genug wäre, wühlte Werner Pieper auch noch in der verschütteten amerikanischen Musikgeschichte, brachte genug Material für sechs CDs über "Drug Songs", "Copulation Blues" etc. an den Tag - und gewann mit dieser bei Trikont/Indigo gepressten Anthologie im letzten Jahr prompt den renommierten "Preis der deutschen Schallplattenkritik".

Piepers MedienXperimente sind zu etwas so Besonderem geworden, weil dahinter seine Fähigkeit steht, Dinge in

ihrer Möglichkeitsform zu erleben. Er freut sich, wenn er etwas entstehen sehen kann, wenn sich aus zwei Bits Information etwas neues Drittes ergibt. Er ist ein Katalysator, ständig dabei, produktive Reaktionen zu beschleunigen.

Wir essen im Haus in Löhrbach zu Abend. Das Zimmer ist bunt und kreativ zugeräumt, ohne Allüren. ("Der Fotograf eines Country-Style-Magazins wird nicht erwartet", stellte der Reporter von brandeins zufrieden fest.) Er selbst ist ebenfalls nicht unbunt, wenn auch die farbigen Rasta-Locken (siehe die Cover-Illustration rechts unten) einer Glatze und die wiederum einem Haarkranz plus Lincoln-Bart Platz gemacht haben. Werners Lebensgefährtin Nadina ist vom Frankfurt-Ausflug zurückgekehrt, die 17-jährige Tochter Oona ist aus Heidelberg, wo sie in einer WG wohnt und zur Schule geht, auf Besuch. Die Stimmung ist angenehm, Werners Energie scheint nie abzunehmen. Jedes Jahr in den Wochen zwischen Thanksgiving und Weihnachten, sagt er, fahre er irgendwohin, wo es Meerblick gibt, um zu fasten und zu schreiben. Und die anderen elf Monate? Er scheint ja ständig zu arbeiten, zu ermöglichen, zu sprudeln, halt mit Blick auf Wald und mit weniger Fasten: Der von Nadinas serbisch-ungarischen Wurzeln inspirierte Gemüsetopf ist wunderbar.

Sein derzeitiges Projekt habe, apropos, auch mit Wurzeln zu tun: Werner Pieper forscht über Drogen im Dritten Reich. Was er über Pervitin, Meskalin-Versuche und die Ursprünge von Fanta und Afri-Cola gefunden hat, füllt gerade zwei spannende Rauschkunde-Bände: Nazis auf Speed. Irgendwie grabe man nach, wo man selber herkomme, und stoße auf Dinge, die kaum auszuhalten sind. Warum bleibt er dann hier mitten in Deutschland sitzen? "Dieses Land ist doch viel zu schön", sagt er, "um es den Idioten zu überlassen."

Und noch ein Projekt, weil seine primäre Zielgruppe auch älter wird: Drogen und Rentner. Pieper argumentiert für Freigabe und dafür, dass die Alten ihr einschlägiges Wissen weitergeben mögen. Er selber sieht diesem Lebensabschnitt zuversichtlich entgegen: "Ein guter Freund hat mir gesagt, er würde mich im Rollstuhl durch das Jazzfest von New Orleans schieben. Darauf freu' ich mich schon." (mf, DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 9. /10. 3. 2002)

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