Silje Nergaard und Les McCann lassen aufhorchen

14. März 2002, 19:14
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Die zweifellos auffälligsten Neuheiten der Jazzwoche

Von Ljubisa Tosic

SILJE NEGAARD
At First Light
(Universal)
Der Jazzgesang heute: In der Kategorie verschlafen-muffiges Mädchen regiert Diana Krall, in der Abteilung Ella-Fitzgerald-Testamentsverwalterin Dee Dee Bridgewater, die schwebende Fee mimt Cassandra Wilson, und natürlich gibt es da noch die Abteilung Lolita, in der Jane Monheit für geteilte Meinungen sorgt. Silje Nergaard, zweifellos kein kleines Mädchen mehr, könnte in der Kategorie ewiges Püppchen reüssieren, auch wenn sie äußerlich nun gar nichts Putziges hat. Allein, es trägt ihre Stimme jenes juvenile Flair in sich, das Niedlichkeit suggeriert. Dazu gesellt sich dann natürlich etwas Herbes, das die Dame sofort erkennbar macht. Wir stehen gleichsam vor einer jugendliche Variante von Joni Mitchell. Interessant ist die Dame auch deshalb, da sie im Gegensatz zu den oben erwähnten Mädels auch noch komponiert. Und da sind eine Menge netter Songs entstanden, die bisweilen etwas ins Popfach kippen, aber großteils Beiträge zu jener schon etwas grauhaarigen Standards-Tradition liefern. Siljes Karrierestart war lustig-mutig: Als 16-Jährige stieg sie beim Jazzfestival in Molde frech zu einer Jamsession mit dem mittlerweile verstorbenen Bassisten Jaco Pastorius auf die Bühne und beeindruckte. Wichtig war auch Pat Metheny. Er empfahl Silje dem Produzenten Richard Niles, der ihr einen Vertrag beim EMI-Label Lifetime Records besorgte. 1990 nahm sie dann ihr ihr Debütalbum Tell Me Where You're Going auf, die gleichnamige Single landete immerhin in den Top 40 der britischen Charts.

LES MCCANN
Pump It Up
(ESC/Ixthuluh)
Ziemlich gut, dass es ihn noch gibt - Les McCann, den relaxt-brummigen Soul-, Jazz- und Funkerzähler. Einst einer breiten Öffentlichkeit durch Swiss Movement, aufgenommen 1968 beim Montreux Jazz Festival (mit Eddie Harris) aufgefallen, versammelt er hier Kollegen wie Maceo Parker und Billy Preston und lässt es sich in einer unhektisch groovenden Umgebung gut gehen. Die Riffs, Rückgrat jedes Songs, sind präzise eingesetzt, liefern jene schöne Umgebung, in der Les zu seinen Miniepen ausholt. Seine Botschaft: Keine Panik, wir haben Zeit. Wer hektisch wird, hat ein Problem und sollte vielleicht den Psychodoktor wechseln!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

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