Die süße Fäulnis

14. März 2002, 18:54
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Das schottische Techno-Duo "Boards of Canada" und sein melancholisches Album "Geogaddi"

Bei aller Sperrigkeit schimmert hier immer wieder eine tief empfundene Wehmut durch.

Hart an der Grenze zum Kitsch schrammt das neue Album des schottischen Elektronik-Duos Boards of Canada vorbei. Michael Sandison und Marcus Eoin haben nach Music Has The Right To Children, ihrem Debüt aus 1998, und einer zwischengeschobenen Mini-LP aus 2000, Inabeautifulplaceoutinthecountry, vier Jahre und einige Joints mehr dazu aufgewendet, in der ländlichen Einschicht die zurückgelehnten Tracks der Anfangszeiten noch zusätzlich zu verfeinern.

Musikalisch muss man sich die neue 24-teilige Arbeit Geogaddi als menschen- und klangfreundlichere Ausgabe ihrer befreundeten Labelkollegen Aphex Twin und Autechre als altvorderen Vertretern des problematischen Begriffs "Intelligent Techno" vorstellen. Mit diesen teilen sich die 30-jährigen Klangbastler nicht nur eine Vorliebe für fehlerhafte Programme und Computerrelikte aus den gemeinsamen Kindertagen in den 70er-Jahren. Stichwort: Atari und Commodore C 64. Stichwort: "Kinder werden von Computerspielen nicht beeinflusst! Es ist doch so: Wenn uns Pac-Man in unseren Kindertagen nachwirkend verändert hätte, würden wir heute alle in abgedunkelten Räumen herumhopsen, kleine lustige Pillen in uns hineinmampfen und repetitive elektronische Musik hören." Kristian Wilson von Nintendo Inc., 1989. Ha!

Diese Nähe zum aus dem Acid House der späten 80er-Jahre kommenden Grundklang des Warp-Labels (man erinnere sich nur an den Dancefloor-Klassiker Tricky Disco!) bedeutet in seiner über die Jahre erfolgten Weiterentwicklung schließlich neben allen knarzenden und drillbohrenden Sound-Gimmicks aus dem Hause Black & Decker (siehe: Analogue Bubblebath von Aphex Twin!) auch eine Konsolidierung. Wo früher die Tracks mitunter doch recht sperrig daherkamen, betreiben Boards of Canada mittlerweile Grundlagenforschung im Down Tempo-Bereich. Nervöse Rhythmik wird teilweise aufgehoben zu Gunsten eines am HipHop angelehnten Grundgebots: Four to the floor. Das geräuschlastige Grundkonzept tritt in den Hintergrund, weil man sich lieber mit impressionistischen Klangtupfern und dunklen und melancholischen, allerdings oft nur vage angedeuteten Melodieansätzen beschäftigt.

Manchmal fühlt man sich bei all diesem dennoch vertrackten Wohlklang an frühe Arbeiten von Klaus Schulze oder Tangerine Dream erinnert. Easy-Techno für die Liebhaber von Stillleben. In einem solchen darf dann, kunsthistorisch gesehen, ja auch einmal diverses Obst liebreizend verrotten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2002)

Von
Christian Schachinger

  • Boards of CanadaGeogaddi (Warp/Zomba)
    foto: warp/zomba

    Boards of Canada
    Geogaddi
    (Warp/Zomba)

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