DigitalStoff - Digitale Misstöne

20. März 2002, 11:47
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Wird der Griff in die Tasche der Konsumenten zu unverschämt, werden selbst zahlende Musikfreunde zu Anarchisten. Helmut Spudich rechnet nach

Die Musikindustrie hat sich des technischen Fortschritts ermächtigt. Oder andersrum: Der technische Fortschritt hat sich der Musikindustrie bemächtigt.

Egal wie, die Sache läuft jedenfalls so: Bisher war die Technik der Freund des Musikkapitals. Erst schuf Gott Edison die Tonwalze, dann Emil Berliner (EMI) das Grammophon, dann kamen Singles und LPs auf Vinyl, die CD und zuletzt die DVD. Ganz nach den Lehrbüchern des Kapitals war Innovation der Motor des Ertrags: Mit jeder Erfindung wurde die bisherige Investition wertlos, mussten neue Geräte und Tonträger angeschafft werden, zu jeweils höheren Preisen als vorher. Klar, war auch immer besser, ergo teurer.

Dann passierte ein Betriebsunfall. Deutscher Forschungsgeist erfand MP3, amerikanischer Unternehmergeist machte daraus Napster & Co. Und weil Napster ein Kind der PC-Revolution ist, die aus dem Geist des Widerstands gegen das Computermonopol der Konzerne geboren wurde, wurde MP3 zum Kampfruf für Gratis-Musik für die (jugendlichen) Massen.

Naturgemäß fand die Musikindustrie, die bisher Fortschritt und Gewinn gepachtet hatte, daran wenig Freude. Also wurde zuerst Napster niedergeklagt, ein paar patscherte bezahlte MP3-Dienste eingeführt. Und jetzt der letzte Geniestreich: CDs werden kopiergeschützt.

Mit letzterem, dem Kopierschutz auf redlich erworbenen CDs, treibt man zahlende Bürger in die Arme der Revolution. Denn die teure Musiksammlung wird längst nicht mehr nur im Wohnzimmer genützt, sondern im Auto, im Wochenendhaus und auf tragbaren Geräten. Der einzige praktikable Weg dazu: Kopien machen, ob auf selbstgebrannten CDs oder für die Harddisk des MP3-Player.

Ist die gekaufte CD jedoch kopiergeschützt, reduziert sich ihr Wert auf einen Bruchteil, da alle diese Nutzungen nicht mehr möglich sind. Oder erhöht sich der Preis für Musik um ein Vielfaches, weil mehrere Kopien erworben werden müssen.

Das wäre wohl ganz im Sinne der Industrie, aber sie macht ihre Rechnung ohne den zivilen Ungehorsam ihrer Konsumenten. Denn wird der Griff in die Tasche zu unverschämt, werden selbst aus anständigen Musikfreunden Anarchisten. Beweise gesucht? Filme auf DVD sind, zum Zweck der Gewinnmaximierung, mit Ländercodes vor "unbefugtem" Abspielen in regionalen Märkten geschützt. Wie man den umgeht, sagt Ihnen sogar der Verkäufer im Supermarkt - wenn er den DVD-Spieler nicht gleich codefrei ausliefert.

derStandard/rondo/15/3/02

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    www.bsa.or.at
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