Fassungsloses Staunen in Ägypten

19. März 2002, 12:04
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Der 11. September des Vorjahres hat Ägypten und seine Sehenswürdigkeiten touristenleer gemacht. Vielleicht ist das eine Chance, das uralte Land am Nil neu zu entdecken.

Ägypten entlockt dem Reisenden noch immer auf Schritt und Tritt Reaktionen, die dem fassungslosen Staunen des beamteten Grabräubers Howard Carter ähneln, der auf die Frage, ob er im Grab Tut Ench Amuns etwas erkennen könne, nur stammeln konnte: "Ja, wunderbare Dinge!"

Kaum Touristen diesen Winter

Doch sind in diesem Winter, der Hauptsaison, kaum Touristen im Land, die Anschläge des 11. September haben sie ferngehalten. "Keine Touristen, kein Geld, danke Osama", mault ein fliegender Händler in Gizeh monoton vor sich hin und streckt den wenigen, die sich zwischen Pyramiden und Sphinx verlaufen, seinen Ramsch hin, Mini-Pyramiden, Sphinxen, Alabaster-Nippes, Messing und Plastikzeug, die unvermeidlichen Skarabäen.

Tal der Könige

Im Tal der Könige, wo sich vor wenigen Monaten noch die Massen zwischen den 64 Grabstätten drängten, fährt der bunte Bummelzug beinahe leer zwischen Eingang und Ausgrabungsstätten hin und her. Wo sonst Touristen zu Hunderten an den Wandmalereien der Königsgräber vorbeigeschleust wurden, die unter dem Schweiß und den Ausdünstungen zu verblassen beginnen, schlendern diesen Winter einzelne Paare vorbei.

Es scheint, als hätte der widderköpfige Sonnengott, der lichtspendend in seiner Barke den Fluss befährt, nun endlich wieder den Blick frei wie in den Jahrtausenden davor, die er ungestört in der Dunkelheit des Grabes eines der Rhamseiden als Begleiter des Dahingegangenen verbrachte, eine sichere Gewähr, dass dem Toten nach Durchschreiten der Unterwelt ein Weiterleben im Reich des Osiris winkt.

Am Morgen schwimmt Sheherazade prustend im Nil, bewegt sich mit der abgeklärten Gelassenheit einer in die Jahre gekommenen Schönheit flussaufwärts, während ihre Schwesternschiffe am Ufer vertäut bleiben. Sonst fahren sie in Wasserkarawanen von Luxor hinauf nach Assuan, aber in diesem Jahr ist auch das anders, und so hat Sheherazade den ganzen breiten Strom für sich allein.

Karnak

Bald wird die Morgensonne auf Karnak scheinen, jene Tempelstadt, die ein europäischer Dekadenz-Literat der Jahrhundertwende in einigen Verslein zur Nachmittagsunterhaltung zu verniedlichen suchte - "In Karnak war's, wir waren hingeritten, Helene und ich, nach eiligem Diner. . ." - und so die koloniale Impertinenz der Briten in Ägypten imitierte: die leichteste Übung zur Abwehr unfassbarer Größe. Über 1700 Jahre hinweg bauten die ägyptischen Herrscherdynastien an den Tempeln von Karnak, das als Denkmal deutlicher noch als die Pyramiden auf eine Kultur verweist, welche Zeit als begrenzenden Faktor ausschließlich für die menschliche Existenz akzeptierte. An der Unendlichkeit der Götter und ihrer im Herrscherornat auf Erden wandelnden Stellvertreter wurde, so flüstert bis heute jeder Stein, nicht gezweifelt.

Am Nil

beginnt der Tag behutsam, nur zögernd schiebt sich der Vorhang der Nacht zur Seite und überlässt den Raum der Morgenhelle, die auf den Hügeln der Wüste, welche nur einen Schritt vom schmalen Band des Ufergrüns entfernt scheint, sanft ineinander fließende Farbwechsel bewirkt: von Malve über Violett zu Graublau, das bis Mittag zu einem knöchernen Weiß ausgebleicht sein wird. Um 5 Uhr Früh singt der Muezzin zum ersten Mal, und alle noch bis zum Abend folgenden Rufe zum Gebet sind Wiederholungen, die an den Beginn des ersten Tages der Welt erinnern.

Fruchtbares Land

Zum Fluss hin rastern halbmeterbreite Bewässerungsrinnen das Ackerland in exakte Rechtecke, auf den Felderzeilen gedeihen enorme Krautköpfe, Zuckerrohr, dazwischen Wintersaat, die grellgrün aus der schwarzen Erde sticht. Parallel zum Nil laufen breite Entlastungskanäle, die sie mit Wasser versorgen, glatte, ruhige Spiegel,

Schwalben ritzen mit den Flügelspitzen ihre Oberfläche, Möwen jagen ein wenig höher, und zwischen den Wasserstraßen pendeln Störche und Reiher im Morgenverkehr. Datteln und Bananenstauden am Ufer, in den Kanälen und dahinter im breiten Fluss werfen Fischer die Netze aus.

Staubige Nester

Die Dörfer an den Ufern sind staubige Nester, Eselskarren transportieren alles, was nicht getragen werden kann. Die Häuser, prinzipiell flach, schießen da und dort in die Höhe, weil von Generation zu Generation ein Stockwerk dazukommt, permanente Baustellen, die über die Großfamilie und ihren sozialen Status Auskunft geben. In den Straßen bunte Läden, pittoresk und windschief, fröhlich anmutendes Elend.

Der Luxus ist anderswo

meist dort, wo Touristen sind, diesmal auf der Sheherazade. Artig kündigen die livrierten Kellner "tea time" an, während rechts und links vom Aussichtsdeck eine Theaterkulisse vorbeizieht, Inseln im Strom, dazwischen Feluken und Fischer, kaum ein Laut ist zu hören. An manchen Stellen kommt die Wüste bis auf einen zwei bis drei Meter schmalen grünen Saum ans Wasser, und hin und wieder rafft sie ihn zur Seite, um sich im Nil abzukühlen. Am Ufer betet ein weiß Gekleideter, im Sand kniend, das Gesicht nach Osten gewandt. Daneben sitzt ein anderer in dunkler Djellabah und blickt in den Westen und dem Schiff nach, das an ihm vorüberzieht.

Krise oder nicht Krise?

Verkehrsminister Mamdouh El Beltagui ist ein höflicher älterer Herr, der tut, was Politiker in aller Welt tun, wenn es eng wird: Er versucht, die Krise schönzureden. In den vergangenen sieben Jahren habe der Tourismus einen Boom und durchschnittliche Steigerungsraten von 12,5 Prozent erlebt, mit 4,5 Milliarden Dollar jährlich trage die Fremdenverkehrswirtschaft 11,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, 2,2 Millionen Menschen seien direkt im Tourismus tätig.

Nächtigungs-Rückgang

Dann eine Rechnung, die der arabischen Kultur alle Ehre macht, welche der Mathematik die Null vermittelt hat: Im September seien die Nächtigungen um 18,2 Prozent, im Oktober um 41 und im November um 45 Prozent gesunken. Trotzdem seien die Nächtigungen übers Jahr gerechnet bloß um acht Prozent zurückgegangen. Eigentlich, so El Beltagui, gebe es gar keine bessere Zeit für eine Reise nach Ägypten: Es sei warm und wirklich nicht überlaufen.

Jährlich 200.000 neue Zuwanderer

Und sein Blick schweift aus dem Fenster hinaus über das lärmende, aus allen Nähten platzende Kairo, bis in den Westen, wo das letzte freie Land zu den Pyramiden hin von den Slums verschluckt wird, die jährlich 200.000 neuen Zuwanderern als Wohnstatt dienen. Dort bricht das überforderte Schulsystem vollends zusammen, betteln die Kinder, sobald sie laufen können, laufen zornige, von Geburt an chancenlose Jugendliche scharenweise zwielichtigen Mullahs zu, die ihnen mit einem leicht verdaubaren Mischmasch aus religiösen Radikalismen und nationalen Chauvinismen die Köpfe verdrehen.

Unbedingte Toleranz

Rasch kehrt der Blick des sehr gebildeten, kultivierten und polyglotten Herrn Beltagui zurück und wirkt sogar etwas verträumt, als er sagt, der Schlüssel zum Verständnis der ägyptischen Kultur sei ihre unbedingte Toleranz: "An keinem anderen Ort der Welt, Jerusalem ausgenommen, werden Sie auf einem Platz von 400 Quadratmetern die Gotteshäuser aller Weltreligionen versammelt sehen." (Der Standard | Rondo | Samo Kobenter)

Infos:

Ägyptisches Fremdenverkehrsamt, 1010 Wien, Opernring 3 / 3 / 301-303
Tel. 01 / 587 66 33,
aegyp.fremdenverkehrsamt@chello.at

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