Schlüsselfiguren

18. März 2002, 11:49
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Hinter Schloss und Riegel, die von der Firma Grundmann-Beschlagstechnik erzeugt werden, steht in erster Linie österreichisches Design

Tatak, tatak, tatak - bis zu 500.000-mal klackt eine Reihe Türschlösser im Kanon durch ein Testgerät. 250.000-mal muss es der Mechanismus aushalten - sagt die Norm. Und die gilt auch für 10.000 verschiedene Einzelteile, die in Grundmanns Fabrikhallen auf ebenso vielen Quadratmetern im niederösterreichischen Rohrbach zu Beschlägen und Schließsystemen verarbeitet werden. Ein mächtiger Ziegelschornstein, einst Wahrzeichen für so gut wie jeden Industriebetrieb, markiert den Standort der Fabrik. Der Schlot hat längst ausgeraucht, obendrauf thront jetzt die Brutstation eines Storchenpaares.

Beginn der Geschichte

Begonnen hat die Geschichte des einzigen wirklich namhaften Anbieters von derlei Produkten im Lande mit einem lauten "Tschu, tschu". Carl Julius Grundmann, Schlosser und eine jener markanten Gründergestalten des 19. Jahrhunderts, war der erste Lokomotivführer, der nicht aus dem britischen Empire stammte und auf der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn entlangdampfte. Er war es auch, der in den wilden Tagen der Märzrevolution, also im Jahre 1848, die kaiserliche Familie per Eisenbahn aus dem Krisenherd chauffierte und ins mährische Olmütz brachte.

Das Geschäft mit einem von ihm entwickelten Patentschloss ermöglichte es ihm, den Führerstand seiner Lok zu verlassen und einen eigenen Schlossereibetrieb in Wien aufzusperren. Sein Sohn Wilhelm Grundmann eröffnete 1894 die eingangs erwähnte Fabrik in Rohrbach an der Gölsen, eine gute Autostunde von Wien entfernt, die "k.k. ausschl. priv. Schlosserwarenfabrik Wilh. Grundmann", deren Erzeugnisse in die ganze große Monarchie expediert wurden.

Ein Element des Erfolgs

Heute ist eine Frau Herrin über die Fabrik, Lilly Gaschler, die aufgrund einer Adoptionsgeschichte zur Familie und somit auch zur Firma kam. Um die 12,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen heutzutage mit einer Belegschaft von circa 170 Personen und der hauptsächlichen Produktion von Türknäufen, -drückern, -klinken, -schnallen und wie die Türöffner sonst noch genannt werden. Ein Element des Erfolgs einer auf den ersten Blick unscheinbaren Produktpalette ist Design, österreichisches Design, das die Schwester der Geschäftsführerin, Alexandra Eichenauer-Knoll, unter ihre Fittiche nahm.

Betrachtet man eines dieser alltäglichsten Objekte genauer, kann man sich schon fragen, was so ein simples Produkt groß an Design zu bieten hat. Doch so einfach das Ding an sich auch erscheinen mag, öffnet es doch unzählige Male so manche Tür und stellt sich als ein unverzichtbares, mechanisches Alltagsobjekt heraus. Meister Le Corbusier meinte gar, die Türklinke sei im Prinzip der einzige Punkt, an dem man mit einem Gebäude körperlich in Kontakt trete. Dass diese Berührung mehr oder weniger unbewusst angenehm in Sachen Optik und Haptik vor sich geht, ist Sache der Designer, derer zurzeit vier an der Zahl im Salär der Firma stehen.

Heimischen Design

"Es war uns schon lange ein Anliegen, österreichische Designer zu fördern, und es stellte sich als sehr spannend heraus, mit Leuten zu arbeiten, die greifbar sind, mit denen wir Freundschaften entwickeln können. Somit wirkten wir auch der üblichen Gangart entgegen, irgendwelche italienischen Designer zu engagieren, was uns immer wieder ans Herz gelegt wurde", beschreibt Alexandra Eichenauer-Knoll ihren Anteil daran, dem heimischen Design den Rücken zu stärken. Haufenweise Design-Auszeichnungen an der Wand des Besprechungszimmers im Haus Grundmann zeigen neben den verkaufsfördernden Auswirkungen, dass sich die gestalterische Mission des Beschläge-Herstellers lohnt.

Anfang der 90er-Jahre engagierte man den Wiener Designer Michael Schaefer, im Herbst 1997 wurde ein Türbeschlag von Carl Auböck (1900-1957) ins Programm genommen, dann gaben sich auch der in Wien lebende Architekt und Designer Michael Wagner und Stefan Zinell die Klinke in die Hand. Gottfried Palatin ist ebenso mit mehreren Türdrückern in der Kollektion vertreten. Palatin kam auf die Idee zu seinem ersten Stück aus satiniertem Aluminium, als er beim Häuslbauen aushalf und keine "g'scheiten" Türgriffe auftreiben konnte. 30 Modelle schliff er aus Alabaster, ehe der Prototyp für die Serienproduktion perfekt in der Hand lag. Übrigens, das Museum für angewandte Kunst beschäftigt sich ab 24. April im Rahmen einer Ausstellung mit dem Zugang dieser Designer zum Thema Türbeschläge und Accessoires im Eingangsbereich.

Ein Roboter tanzt

Ein Rundgang auf dem Werksgelände von Grundmann zeigt, welch knifflige Mechanismen hinter so manchem simplen Türknauf stecken. In der Gießerei blubbern Suppen flüssigen Aluminiums vor sich hin, im Konstruktionsbüro sind CAD-Anlagen emsig am Schneiden, eine Halle weiter tanzt ein Roboter elegant zwischen den Schleifscheiben umher, ehe er die Einzelteile behutsam, als wären es rohe Eier, ablegt. Beim Eloxieren nehmen die Beschläge ein Vollbad in einer 20-prozentigen Schwefelsäure bei einer Hitze von 95 Grad, und in einer anderen Abteilung werden Stahleinlagen für das Innere einer Türschnalle gefertigt, damit sich im Falle eines Feuers und somit dahingeschmolzenen Aludrückers die Türe noch immer öffnen lässt.

Überhaupt wird der Sicherheit bei Grundmann jede Menge Augenmerk geschenkt. Kommen die meisten Inputs über Entwicklungen in der Einbrecherszene heute von der Kriminalpolizei, hielt man sich früher zeitweise sogar einen umgesattelten Einbrecher, der den Technikern mit Rat und Tat zur Seite stand, um den Türknackern fürderhin ihre krummen Touren zu vermiesen.

Es riecht nach Maschinenöl

Unter den flachen Dächern der Fabrik wird ferner lackiert, gebohrt, zwischendurch ein wenig getratscht, dann gestanzt, montiert, gewaschen und fein säuberlich verpackt. Es riecht nach Maschinenöl, und die funkelnden Teile heißen Nuss, Riegel, Feder und Falle. Letztlich verschwinden sie fast alle in einem Beschlag, der uns Türen öffnet oder eben nicht.

Die Zukunft des Schlüssels scheint dabei ungewiss. Immer mehr Firmen, darunter auch Grundmann, forschen in Richtung programmierbare Elektronik im Sinne einer Chipkarte oder Ähnlichem, das in puncto Schließmechanismus den Schlüssel zum Erfolg in der Branche verspricht.

derStandard/rondo/15/3/02

von Michael Hausenblas

Infos: grundmann.com
Ausstellung im

Museum für angewandte Kunst: "Access Granted", Gottfried Palatin, Michael Schaefer, Michael Wagner und Stefan Zinell im MAK-Designinfo-Room.
Stubenring 5
1010 Wien

Vom 24.4. - 26.5.02.
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