Konsumkids in der Kommerzwelt

14. März 2002, 08:54
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Erziehungsratgeber boomen - Verunsicherung der Eltern ist groß - ExpertInnen beobachten neue Eigenständigkeit von Kindern

Innsbruck - Die Ratgeberliteratur ruft den "Erziehungsnotstand" aus. Seit der Pisa-Studie (OECD-Bildungsvergleich, letzten Dezember publiziert) ist vor allem in Deutschland von "erschreckender Allgemeinbildung" und "Disziplinlosigkeit" die Rede. In austauschbaren Klappentexten wird ein "Mangel an Erziehung" beklagt und bei Eltern "Willen und Fähigkeit, richtig zu erziehen" vermisst.

Die kritische Kindheitsforschung sieht das Interesse an dieser Literatur als Zeichen für eine Verunsicherung, aber auch Veränderung in der Kindererziehung, die tiefer wurzelt: in grundlegenden Veränderungen des Kindseins und der Beziehungen zwischen den Generationen, einer "stillen Revolution der Kindheit", wie der Innsbrucker Erziehungswissenschafter Bernhard Rathmayr sagt.

Kids durch Konsumgesellschaft verändert

Ausgangspunkt einer von Rathmayr geleiteten Tagung, die von Donnerstag bis Samstag in Innsbruck die wichtigsten deutschsprachigen KindheitsforscherInnen versammelt, ist die verbreitete Ansicht, dass die Konsumgesellschaft das Kindsein seit zwei Jahrzehnten radikal verändert habe.

Die frühe, selbstverständlichere Teilnahme der Kinder am Markt, als KäuferInnen etwa - "undenkbar bis in die 80er-Jahre" (Rathmayr) -, die eigenständige Nutzung neuer Medien schon im Vorschulalter, kurz: die vielfach beschriebene Kommerzialisierung der Kindheit, lässt die WissenschafterInnen von einer "neuen Eigenständigkeit der Kinder" sprechen. Pointiert sieht etwa der Berliner Pädagoge Dieter Lenzen ein kulturelles "Verschwinden der grundlegenden Differenz ,Kind-Erwachsener'".

Überfordertes System

Im STANDARD-Gespräch meint Rathmayr, dass Familie und Staat auf die neue Selbstständigkeit der Jüngsten noch nicht adäquat reagiert hätten. Die Familiensysteme - sofern noch von solchen gesprochen werden kann - seien überfordert. Die Konsumkultur wirke ungebremst in die instabileren Familienwelten hinein, mit teils enormen finanziellen Folgen, da das Verlangen nach Snowboard, Handy und PC nicht individuellen Bedürfnissen entspringe, sondern zu einer zunehmend unter Gleichaltrigen sich vollziehenden Sozialisation gehöre.

In der Forschung setzt sich der Ansatz durch, Kinder nicht mehr als Werdende zu betrachten, sondern die Kindheit als eigenberechtigten Abschnitt zu sehen. Auf politischer Ebene spiegelt sich diese Sicht in ersten internationalen Standards für Kinderrechte und im allmählichen Entstehen einer Kindheitspolitik. "Von der Lebensphase Kindheit zur Lebensform", formuliert es der Bremer Soziologe Heinz Hengst.

"Die spannende Frage" ist für Rathmayr, wie sich eigenberechtigte Kindheit mit der Vorbereitung auf ein komplexeres Erwachsenenleben verbinden ließe, "ohne Sicherheiten elterlicher Liebe und öffentlicher Fürsorge über Bord zu werfen". Die Berliner Publizistin Barbara Sichtermann vollzieht einen ähnlichen Perspektivenwechsel beim Blick auf den Übergang zum Erwachsenwerden: wenn sie die Pubertät nicht von ihrem "Ziel" her, der erwachsenen Persönlichkeit, betrachtet, sondern Rauscherfahrungen oder Gewaltfantasien als Bruch mit einer "fertigen" kindlichen Identität.

In einem Ratgeber anderer Art fordert Donata Elschenbroich vom Deutschen Jugendinstitut, nicht Schülerdefizite zu beklagen, sondern den Bildungskanon zu öffnen. Nach Gesprächen mit Eltern, Verkäufern, Psychologen, Arbeitslosen regt sie in einer Wunschliste an, was Kinder bis sieben erfahren sollten: "In einer anderen Familie übernachten"; "in einen Bach fallen"; "wissen, was das ist: warten können". (DER STANDARD, Printausgabe 14.03.2002)

von Benedikt Sauer

Eltern-Ratgeber
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