Carl Friedrich von Weizsäcker über die NS-Atombombe

13. März 2002, 19:17
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München - Im Streit um die Rolle deutscher Physiker bei der Entwicklung der Atombombe hat Carl Friedrich von Weizsäcker den Wunsch zum weltweiten Verzicht auf die Waffe als Motiv für Kontakte mit dem dänischen Atomphysiker Niels Bohr 1941 genannt. "Nachdem wir zu dem Schluss gekommen waren, dass wir in Deutschland nicht im Stande sein würden, eine Bombe zu bauen, jedenfalls nicht in der Zeit des Kriegs, hatten wir den Wunsch, dass Amerika und England auch keine Bombe bauen sollten", sagte von Weizsäcker der "Süddeutschen Zeitung".

"Bohr würden sie glauben"

Dies hätten die deutschen Forscher den Amerikanern und Engländern natürlich nicht direkt raten können. Werner Heisenbergs Hoffnung habe aber bei dem gemeinsamen Besuch in Kopenhagen darin bestanden, Bohr könne den Physikern dort mitteilen, dass Deutschland keine Bombe mehr bauen würde. Im direkten Kontakt hätten Amerikaner und Engländer den deutschen Physikern dies nicht geglaubt. "Aber Bohr würden sie glauben", schilderte von Weizsäcker den Plan. Ein Grund für die Mission sei dabei gewesen, "dass nicht eine Bombe auf uns fällt", sagte der am Starnberger See lebende von Weizsäcker dem Blatt.

"Ich weiß genau, dass wir im Herbst 1941 auf dem Weg zu Bohr wussten, dass wir keine Atombombe bauen konnten", betonte der 89-Jährige. Allerdings hätten die deutschen Physiker Atomreaktoren bauen wollen. Der Bau eines Reaktors hätte vielleicht den Weg zur Atombombe öffnen können, jedoch nicht während des Krieges. "Wir wollten einfach nur einen Reaktor bauen."

Interpretationen

Am Mittwoch waren bisher unveröffentlichte Brief- und Textentwürfe Bohrs bekannt geworden. Darin erklärt der 1962 gestorbene Forscher, die deutschen Physiker hätten ihn von der Unausweichlichkeit eines deutschen Sieges durch noch zu entwickelnde Atombomben im Zweiten Weltkrieg überzeugen wollen.

Von Weizsäcker sagte der SZ, Bohr habe wohl Grund oder ein Gefühl gehabt, dass er Heisenberg nicht glauben brauche, die Deutschen hätten den Bau der Atombombe aufgegeben. Möglicherweise habe Bohr gedacht, dass die Alliierten rechtzeitig die Atombombe erfinden und Deutschland atomar besiegen könnten. Es sei möglich, dass er sich deshalb nicht auf Heisenbergs Plan eingelassen habe, einen weltweiten Verzicht der Atombombe zu bewirken.(APA/dpa)

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