Angst vor der NS-Atombombe

13. März 2002, 19:18
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Veröffentlichte Briefentwürfe Niels Bohrs nähren alten Verdacht

Kopenhagen/Wien - "Lieber Heisenberg (. . .) Ich erinnere mich sehr gut an unser Gespräch in meinem Zimmer im Institut, wo Sie mir in verschwommenen Worten in einer Art sprachen, die mir nur die feste Überzeugung geben konnte, dass, unter Ihrer Führung, in Deutschland alles getan wird, um Atomwaffen zu entwickeln."

Diese Passage eines Briefentwurfs des dänischen Physikers Niels Bohr an seinen deutschen Kollegen Werner Heisenberg gegen Ende der 50er-Jahre ist das vorläufig letzte Wort zu einer der größten Kontroversen der Wissenschaftsgeschichte, ob nämlich die deutschen Physiker während des Krieges an der deutschen Atombombe bauten.

Ende der Freundschaft

1938 war Otto Hahn die erste Atomspaltung gelungen, 1939 skizzierte Heisenberg erstmals die beiden Entwicklungswege hin zur Waffe und zur Energiequelle. Dann verlieren sich - in Krieg und Geheimhaltung - die Spuren. Bis zum Herbst 1941. Damals kam Heisenberg zu einem überraschenden Besuch in das besetzte Kopenhagen, wo er mit seinem Lehrer und Freund Bohr ein Gespräch führte, von dem nur sicher ist, dass es das Ende der Freundschaft war.

Und dass es darin um Atomwaffen ging. Aber ob Heisenberg Bohr warnen oder ihm drohen oder ihn über den Stand der alliierten Forschung aushorchen wollte, ist unklar, denn nur Heisenberg hat seine Erinnerungen an das Gespräch publik gemacht (in Robert Jungks "Heller als tausend Sonnen" und später in seiner Autobiografie): "Ich versuchte, Niels anzudeuten, dass man grundsätzlich Atombomben bauen könnte, dass dazu ein enormer technischer Aufwand nötig sei." Aber Bohr sei über den ersten Satz so erschrocken, dass er die eigentliche Botschaft - den zweiten Satz - "nicht mehr recht aufnahm".

Krieg vorher zu Ende

Bei dieser Darstellung - theoretisch sei es wohl möglich, aber technisch brauche es so lange, dass der Krieg dann schon zu Ende sei - blieb Heisenberg zeitlebens, mit Ausnahme einer Äußerung in den 60er-Jahren ("Von September 1941 an sahen wir eine offene Straße zur Atombombe vor uns"). Unterstützt wird sie von NS-Rüstungsminister Albert Speer, der in seinen Erinnerungen nach einem Gespräch mit Heisenberg einen zu großen Zeitbedarf für diese Wunderwaffe sah.

Nur Bohr meldete sich nie zu Wort, an seiner Stelle widersprach sein Sohn 1964 in einem Buch der Darstellung Heisenbergs. So blieb die Frage unentschieden, aber sie geriet nicht in Vergessenheit, sondern wurde durch diverse Publikationen - etwa das Theaterstück "Kopenhagen" - so aufgeladen, dass sich die Familie Bohr nun entschied, hinterlassene Briefentwürfe aus dem Archiv vorzeitig freizugeben (siehe Webtipp).

Zum Vorschein kam, dass Bohr immer wieder Briefe an Heisenberg entworfen und keinen davon abgeschickt hat. Darin beklagt er bitter, wie Heisenberg im Vollgefühl des bevorstehenden deutschen Endsieges den widerspenstigen Dänen - "und ganz besonders ihren Physikern" - zur Kooperation geraten habe, "weil jeder Widerstand ein Desaster wäre". Und er konfrontiert Heisenberg in den Entwürfen immer wieder mit seiner "völlig anderen Erinnerung" an das Gespräch. Schließlich verwehrt er sich gegen die Unterstellung, vor lauter Schreck nicht begriffen zu haben, wovon sein Gegenüber rede. Er selbst habe in einem Vortrag die Atombombe als Folge der Atomspaltung prognostiziert.

Allerdings findet er nie wieder so klare Worte wie die eingangs zitierten, er verwendet häufig eine Formel: "Sie haben mich informiert, dass der Krieg, wenn er lange genug dauert, mit Atomwaffen entschieden wird."

Viele hatten Verdacht

"Mich überrascht das jetzt wenig", kommentiert Jakob Yngvason von der Theoretischen Physik der Uni Wien gegenüber dem Standard, "seit dem Buch von Bohrs Sohn hatten viele den Verdacht, dass Heisenberg an der Entwicklung der Bombe arbeitete." Aber ganz geklärt ist die Frage nicht. Vieles spricht nach wie vor gegen die deutsche Bombe. So hat etwa Hans Bethe, Emigrant, der führend am amerikanischen Bombenprojekt mitarbeitete, vor kurzem den deutschen Physikern die technische Fähigkeit abgesprochen, die Bombe zu bauen. Dagegen spricht auch, dass die deutschen Physiker, nach Kriegsende in England interniert und abgehört, von Hiroshima völlig überrascht waren und eine Atombombe für unmöglich hielten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 2. 2002)

Von Jürgen Langenbach

Niels Bohr Archive

Das Theaterstück "Kopenhagen" wird ab 11. März im Wiener Theater in der Drachengasse aufgeführt.
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    foto: der standard
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